purRegio für Heinsberg & Region - 02-2022

7 bis zur obersten Plattform. Die Anlage wurde 2002 erbaut. Damit hat sie ihr Leben bald hinter sich. 20 Jahre darf ein Windrad in Betrieb sein. Dann muss ein Gutachten feststellen, ob es noch weiter betrieben werden kann oder erneuert oder abgebaut werden muss. Für das Windrad bei Wegberg steht die Entscheidung bald an. Jetzt muss es erstmal inspiziert werden. Tim Bottermann ist für die Inspektion der Anlage zuständig. „Im Prinzip ist es wie mit dem TÜV beim Auto“, sagt der 25-Jährige. Er schaut etwa ob er Risse im Bauwerk sieht, aber auch, ob alle Erste-Hilfe-Kästen vorhanden sind. Der gelernte Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik hat eine Checkliste, die er abhakt oder in die er Anmerkungen reinschreibt. Mit Fotos und den Erkenntnissen aus Dohmens Videoskopie wird daraus der Bericht für den Kunden, den Anlagenbetreiber, erstellt. Kleinere Mängel teilen sie demBetreiber mit, der dann die Wartung beauftragen muss. Bei größeren Mängeln legen sie das Windrad sofort still. Die Betreiber der Windräder können unterschiedliche Institutionen sein: Oft sind es die Stadtwerke, manchmal Investoren oder Landwirte, auf deren Boden das Windrad gebaut wird. Häufig schließen sich auch normale Bürger zu Genossenschaften zusammen, um gemeinsam in ein Windrad zu investieren. Windkraft ist die Zukunft, heißt es häufig. Doch einen Platz für ein Windrad zu finden, gestaltet sich nicht immer einfach. 1000 Meter Abstand muss es in NRW zu Wohngebäuden in Gebieten mit Bebauungsplänen haben. Auch sind Windräder nicht bei allen beliebt. Tierschützer schlagen Alarm, weil sie häufig in Brutgebiete gebaut werden. Anwohner stören sich an den Geräuschen und an den Schatten, die die Anlagen in ihre Gärten werfen. Auch von der nächtlichen roten Beleuchtung fühlten sich so viele Bürger gestört, dass Windräder, die über 100 Meter hoch sind, nur noch rot blinken dürfen, wenn sich ein Flugzeug nähert. Bis 2025 müssen die Anlagen dahingehend ausgestattet werden. Tim Bottermann muss in der Höhe inzwischen zur anderen Seite der Gondel — auf die Nabe, dort, wo die drei Rotorblätter zusammentreffen. Dafür müssen die Rotorblätter in Y-Position gebracht werden. Danach klettert der 25-Jährige vorn amWindrad ein Stück hinunter, öffnet die Abdeckung und inspiziert die Nabe. Die Höhe macht ihm nichts aus. „Wenn man monatelang jeden Tag auf einem Windrad ist, gewöhnt man sich dran“, sagt er, „aber der erste Monat war schon schlimm.“ Wind kommt auf. Die Kabine in 100 Metern Höhe beginnt, sich leicht zu bewegen. Es ist wie auf einem Schiff beim Wellengang. Bottermann und Dohmen fällt es kaum auf, sie sind es gewohnt. „Die Bewegung muss so sein“, erklärt Bottermann, „sonst würde das Windrad ja brechen wie ein Streichholz.“ Das Wetter müssen die beiden Techniker stets im Blick haben. Bei Regen oder Schnee darf nicht oben auf dem Dach der Gondel gearbeitet werden. Und auch wenn die Windstärke zehn Minuten lang durchgehend 18 Meter pro Sekunde beträgt, darf es nicht betreten werden. „Bei meinem ersten Einsatz hier draußen waren es 17 Meter pro Sekunde“, erinnert sich Bottermann. Um die kaufmännische und technische Betriebsführung solcher Windräder kümmert sich dasUnternehmenWPDWindmanager Erkelenz, bei dem auch Sven Dohmen und Tim Bottermann angestellt sind. 80 Mitarbeiter betreuen am Standort in Erkelenz Solar- und Windkraftanlagen. Dohmen und Bottermann sind Profis. Sie sind auf ihren Job gut vorbereitet worden. Neben technischen Fortbildungen haben sie auch ein Höhen- und Höhenrettungstraining gemacht, das sie jedes Jahr erneuern müssen. Höhentauglichkeit ist bei dem Job Pflicht — offensichtlich. Auch eine Ersthelferausbildung beim Roten Kreuz ist Pflicht. Bei einem Notfall — etwa ein verletzter Kollege oder ein Brand — können sie sich samt Kollegen außen am Windrad abseilen. Das 160 Meter lange Seil dafür liegt immer bereit. Die Techniker sind stets zu zweit unterwegs. Nach fünf Stunden sind Bottermann und Dohmen mit der Arbeit durch. Die Inspektion und die Videoskopie sind erfolgreich verlaufen. Auch der Testlauf zeigte keine Probleme. Sven Dohmen und Tim Bottermann können ihr Werkzeug zusammenpacken, dann geht es mit Leiter und Aufzug wieder hinunter. Am folgenden Tag geht es für beide aufs nächste Windrad. Viele Menschen wollen in ihrem Job ganz nach oben kommen. Sven Dohmen und Tim Bottermann schaffen das — jeden Tag. < „Der ersteMonat war schon schlimm.“ Tim Bottermann Morgens um acht beginnt die Arbeit. Im Inneren des Windrads, in der Gondel, überprüft Servicetechniker Sven Dohmen das Getriebe (re.).

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