purRegio für Heinsberg & Region - 02-2022

6 Von BenjaminWirtz Er bewegt sich sicher in 100 Metern Höhe. Er robbt nicht auf Knien die paar Meter von einem Ende der Gondel zum anderen, wie es die meisten tun würden, sofern sie sich überhaupt in diese schwindelerregende Höhe trauen. Er geht sicher im aufrechten Gang — als würde es wenige Zentimeter neben seinem Fuß nicht in die tödliche Tiefe gehen. Er geht an die Kante, beugt sich darüber und schaut nach unten. Es macht ihm nichts aus. Was für viele ein Extremereignis ist, ist für Tim Bottermann alltägliche Routine. Er ist Servicetechniker für Windräder. Täglich bewegt er sich oben auf Windkraftanlagen. Mit einem Nabenseil ist er gesichert. Das Wetter und die Aussicht könnten nicht besser sein heute. Doch Bottermann kann das nur nebenbei genießen. Er überprüft konzentriert die Windfahne, die die Windrichtung bestimmt, das Anemometer, das die Windgeschwindigkeit misst, und die Flugbefeuerung, also die rote Beleuchtung in der Nacht. Ist der Anschluss okay? Hat die Schraubverbindung keine Mängel? Es sieht alles gut aus. Mit dem Walkie-Talkie ist er jederzeit mit seinem Kollegen Sven Dohmen verbunden. Der arbeitet einen Meter unter ihm im Inneren der Gondel. Er hat mit einer Videoskopie begonnen. Eine Sonde, an der eine Kamera angebracht ist, schiebt er ins Getriebe der Windkraftanlage, um dessen Zustand zu überprüfen — ähnlich wie bei einer Magenspiegelung. Bottermann hat oben jetzt kurz Zeit, den Blick in die Weite zu genießen. Die umliegenden Dörfer und die Felder liegen ihm zu Füßen. Den Tagebau knapp 25 Kilometer östlich kann man allerdings nicht erkennen. Schwindelfrei und sportlich Bis 2030 möchte Deutschland aus der Kohleenergie aussteigen. Gleichzeitig möchte man sich von anderen Ländern wie Russland weniger abhängig machen. Die Energiegewinnung durch Windkraft galt daher immer als wichtige Alternative zu Kohle und Atomkraft. Doch die Zahl der Windräder in NRW sinkt. 2021 standen rund 3545 Windräder in NRW. Ein Jahr vorher waren es noch knapp 300 mehr. Was seinen Job angeht, blickt Servicetechniker Sven Dohmen aber positiv in die Zukunft: „Die Windkraft wird immer spannender. Immer höher, schneller. Die Technik wird immer besser.“ Und jede Technik muss inspiziert werden. Jeden Tag nehmen sich Dohmen und Bottermann eine andere Anlage vor. Heute ist es eine zwischen Wassenberg und Wegberg. Morgens um acht geht es los. Sie legen sich Helm und Sicherheitsausrüstung an und betreten den großen Turm durch eine kleine Tür. Ihr Equipment ziehen sie mit einem Seilkran nach oben. Dann geht es für sie selbst in die Höhe. Man muss für den Job schwindelfrei und sportlich sein. Denn um nach oben in die Gondel zu kommen, muss man einige Leitersprossen erklimmen. Zwar gibt es einen Aufzug. Doch der führt nicht über die ganze Strecke. Der erste und der letzte Teil des Weges müssen über Leitern zurückgelegt werden. Wenn man möchte, kann man auch die gesamte Strecke über Leitern klettern. Da sind die Techniker bei dieser Anlage fast sogar schneller. Zehn Minuten braucht der offene Lift Für viele Menschen wäre ihr Job der absolute Albtraum: Tim Bottermann und Sven Dohmen sind Servicetechniker auf Windrädern. Wirken in riesiger Höhe Arbeiten in 100 Metern Höhe ist für Tim Bottermann inzwischen alltägliche Routine. Fotos: Benjamin Wirtz

RkJQdWJsaXNoZXIy MTk4MTUx