Medienstunde - Ausgabe A1

8 Mittwoch, 15. Juni 2022 Konflikte lösen, Emotionen zeigen VON RAUKE XENIA BORNEFELD AACHENLilli schnappt sich ein Emoji, das ziemlich unzufrieden drein schaut: „Ichwar heute sauer, weil ich aussahwie ein Löwe.“ Emmys Emoji hat Tropfen imMundwinkel: „Ich habe Hunger!“ Mimi erinnert sich mit Schaudern an einenUnfall beim Schulsport. Jolene ist gut drauf, weil sie heute ihren Freund getroffen hat. Erst Alegras Gefühle-Karte offenbart, dass die elf- bis 14-jährigen Kids, die imKreis auf demBoden sitzen, keine leichte Kindheit verbringen. „Ich bin traurig, weil mein Opa vor einem Monat gestorben ist. Ich konnte aber nicht zur Beerdigung gehen, weil meine Mutter mit meiner Tante Stress hatte“, erklärt die Zwölfjährige beimHochhalten eines Emoticons mit heruntergezogenen Mundwinkeln. Lilli, Emmy, Mimi, Alegra und Jolene (alleNamen der Kinder von der Redaktion geändert) besuchen eine Gruppe von Feuervogel. Das Angebot der Suchthilfe Aachen ist eine Anlaufstelle für Kinder aus suchtbelasteten Familien. Natürlich haben andere Eltern ohne Suchtgeschichte auch Problememit derVerwandtschaft. Aber bei den fünfen scheint Familienstress allgegenwärtig zu sein: Zwei von ihnenwohnen inKinder- und Jugendeinrichtungen. Alle Eltern leben getrennt, nicht zu allen Geschwistern haben sie regelmäßigen Kontakt. Eine musste ihre Mutter bereits zu Grabe tragen, weil die Alkoholsucht derenGesundheit völlig ruiniert hatte. Deutlich erhöhtes Risiko Schon mit Beginn der Schulpflicht wussten viele von ihnen, wie man die kleinenGeschwister wickelt und versorgt, weil die Eltern nicht in der Lage dazuwaren. Zugleich tragen sie ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst suchtkrank oder psychisch krank zu werden. Statistisch gesehen wird es mehr als jeder zweiten von ihnen so ergehen. Und sie bilden keine Ausnahme. Von 13,75 Millionen minderjährigen Kindern und Jugendlichen in Deutschland leben 2,6 Millionen mit mindestens einem alkoholabhängigen Elternteil zusammen, weitere 40.000 bis 60.000 Kinder mit einem drogenabhängigen. Allein in der Städteregion Aachen sind 6700 Kinder betroffen. Keine rosige Zukunft? Durch die Hilfe von Feuervogel setzen die Kinder der statistisch schlechten Perspektive ihre persönlichen Stärken und Ressourcen entgegen. „Hier lernen sie, wie sie mit Problemen umgehen können, wie sie Konflikte lösen und Emotionen ausdrücken können. Und vor allem, wie sie für ihre persönlichen Bedürfnisse sorgen und ihre eigenenGrenzen deutlich machen können. Das alles konnten ihnen ihre Eltern nicht adäquat vormachen“, erläutert Matthias Schreiber, der zusammen mit Chantal Kern und Praktikantin Sally Dentzer die Gruppe der Mädchen leitet. Insgesamt gibt es vier Gruppen für unterschiedliche Altersstufen bei Feuervogel. DemSuchtproblemder Eltern das Geheimnisvolle nehmen – das gehört ebenfalls zumKonzept von Feuervogel. „Wir bewerten weder die Kinder, noch ihre Eltern. Wichtig ist, die Sucht zu enttabuisieren“, erklärt Schreiber. Und wie sieht das Lernen aus? An diesemTag sitzen die fünf Mädchen nach der Einstiegsrunde am großen Tisch und greifen beherzt bei Brötchen, Tomaten und Erdbeeren zu. Mimi und Emmy feiern ihren Geburtstag nach, da darf Schokokuchen auch nicht fehlen. Sie quatschen – untereinander und mit den Sozialpädagogen. „Seit ein paar Wochen sind wir eine Quasselbude“, konstatiert Schreiber lachend. „Wenn Kinder wenig erzählen, machen wir mehr Programm, haptisch und kreativ“, erzählt Kern. „Wir reagieren auf das, was in der Gruppe Thema ist.Wichtig ist vor allem: Hier können sie einfach sein.“ Bei Alegra, Jolene, Mimi, Emmy und Lilli sind die suchtkranken Eltern heute kein Thema. Wohl auch, weil allemittlerweile nichtmehrmit dem betroffenen Elternteil zusammenleben, siewieder Kind sein dürfen. Es geht wie bei allenTeens eher um Schule, Freundschaft, die erste Liebe. Nur als die Reporterin nachfragt, sprechen sie über ihre Eltern. Alle haben eines gemeinsam: Sie vermissen ihre Familienmitglieder, wenn sie sie nicht sehen können. Lilli hat zum Beispiel gerade keinen Kontakt zur Mutter, „weil sie sich in einer Klinik erholt“. Und weiter sagt das Mädchen: „Das ist doof. Ich habe sie gern.“ Nur inwenigen Peer-Gruppen reden die Mädchen so offen wie bei Feuervogel über das Suchtproblem ihrer Eltern. „Aber hier geht es den anderen genauso“, erklärt Alegra, wie die Vertrautheit in der Gruppe entsteht. Emmy fasst das Gruppengefühl prägnant zusammen: „Die Gruppe ist Freundschaft und Verstehen.“ Und das ist doch eine wirklich gute Basis für die Zukunft. Feuervogel ist eine Anlaufstelle der Suchthilfe Aachen für Mädchen und Jungen aus belasteten Familien. In dem geschützten Raum werden sie für die Zukunft gestärkt. Feuervogel ist dringend auf Spenden angewiesen. Spendenkonto: Caritas Aachen, DE60 3905 0000 0000 0070 70, Verwendungszweck: „Feuervogel“. www.feuervogel-aachen.de Ohne Hilfe geht es nicht SPENDENKONTO „Wir bewertenweder die Kinder, noch ihre Eltern. Wichtig ist, die Sucht zu enttabuisieren.“ Matthias Schreiber, Gruppenleiter bei Feuervogel Chantal Kern, Sally Deutzer und Matthias Schreiber (von rechts) begleiten die Feuervogel-Kinder, die an diesem Tag einmal Eulen sind. FOTO: RAUKE XENIA BORNEFELD

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