Medienstunde - Ausgabe A1

4 Mittwoch, 15. Juni 2022 Die „andere“ Seite kennenlernen VON RAUKE XENIA BORNEFELD AACHEN Frauenberuf? Männerberuf? Eigentlich gibt es diese klassische Unterscheidung nicht mehr. Frauen können zumBeispiel längst auch Soldatin werden, Männer den Beruf der Hebamme ausüben – auch wenn sie dann Geburtshelfer heißen. Das waren die letzten Geschlechterschranken in der Berufswelt, die auch schon vor einigen Jahren gefallen sind. Trotzdem wählt die überwiegende Mehrheit der Schulabgängerinnen und -abgänger geschlechterstereotype Ausbildungen (siehe Infobox).Woran liegt das? Vielleicht, weil sie „die andere Seite“ nicht kennen? Beim Girls’- und Boys’-Day können sie einmal im Jahr auf ganz neue Ideen kommen. Ein Besuch bei der Lebenshilfe Aachen, einerWerkstatt für Menschen mit Behinderung. Zwei Werkstatt-Standorte Bei der „Werkstätten & Service GmbH“ arbeiten insgesamt 885 Menschen mit ganz unterschiedlich schwerer Beeinträchtigung. Die meisten sind an zwei Werkstatt-Standorten in Aachen in sehr vielen verschiedenen Bereichen eingesetzt: in der Holzwerkstatt, der Verpackung, in der Küche oder beim Gartenbau, manche auch in der Kunstwerkstatt. Es gibt auch einen heilpädagogischenBereich, in demMenschen einenArbeitsplatz haben, die nicht im Sinne einer Produktion arbeiten. 95 Beschäftigte arbeiten an integrierten Arbeitsplätzen mit arbeitspädagogischer Unterstützung durch die Lebenshilfe bei anderen Unternehmen. In allenAbteilungen und in der übergeordnetenVerwaltungwerden zudemMenschen gebraucht, die die Arbeit der Menschen mit Behinderung anleiten und unterstützen: Tischlermeisterinnen und Tischlermeister, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Köchinnen und Köche, Gärtnerinnen und Gärtner, Heilpädagoginnen undHeilpädagogen, aber auch Kaufleute für Büromanagement, IT-Fachleute, medizinische Fachangestellte und noch viele mehr. Unter einemDach Hier finden sich also klassische Männer- und Frauenberufe unter einem Dach, in allen Berufsfeldern wird auch ausgebildet. Beim Zukunftstag – so heißen Girls’- und Boys’-Day auch – kamen deshalb Schülerinnen und Schüler in die Werkstatt. „Ich halte es für ein zielführendes Format, weil die Schülerinnen und Schüler über ihren Tellerrand hinausschauen können und sehen, welche vielen Möglichkeiten sie haben“, sagt André Beckers, Personalleiter der Lebenshilfe-Werkstatt. Natürlich erhofft er sich auch, selbst davon zu profitieren: „Auch wenn wir das produzierende Gewerbemit demsozialenAspekt verbinden und dadurch schon mehr Diversität vorweisen können, würde ich mir eine weitere Verbesserung wünschen.“ Ausprobieren erwünscht Sechs Jungen und acht Mädchen sind an diesem besonderen Tag dabei. Die Jungen probieren sich im heilpädagogischen Bereich und in der Arbeitsunterstützung aus, die Mädchen zeigen ihr Geschick in der Holzwerkstatt, in der IT und Arbeitssicherheit sowie später auch imGartenbau. Der elfjährige Giacomo, der in die 6. Klasse auf der 4. Aachener Gesamtschule geht, steht an diesemVormittag Bugra Congar in der Verpackung zur Seite. Die beiden kommen schnell miteinander ins Gespräch. „Esmacht Spaß, mitMenschenmit Beeinträchtigung zu kommunizieren“, stellt Giacomo imAnschluss fest. Er könne sich durchaus vorstellen, etwas ähnliches irgendwann einmal beruflich zu machen, erzählt er. „Ich helfe gern. Dasmacht Spaß.“ Arbeitenmit den Händen Die 13-jährige Maya mag auch anderen helfen, „aber ich mag auch das Arbeiten mit den Händen“. Ein Baumhaus hat sie schon mal gebaut. Deshalb läge eine Ausbildung zur Tischlerin gar nicht mal so fern – auch weil ihr der Vormittag in der Holzwerkstatt durchaus Freude bereitet hat, überlegt sie. „Physiotherapie kann ichmir imMoment aber eher vorstellen“, sagt die Schülerin des Aachener Gymnasiums St. Ursula. Jamie von der Städtischen Gesamtschule Stolberg zieht es jungentypisch eher ins Handwerk. „Elektroniker finde ich gut“, erklärt der 14-Jährige, auch wenn er in der Arbeitsunterstützung mit Freude dabei ist. Alle Schranken imKopf fallen an einemZukunftstag eben noch nicht, aber ein Anfang ist vielleicht gemacht. „Mädchen- oder Jungenberufe gibt es doch nicht. Jeder kann allesmachen“, meint zumindest Jamie. Schon vor Jahren sind die letzten Geschlechterschranken in der Berufswelt gefallen, nicht aber im Kopf vieler Mädchen und Jungen. Der „Girls’- und Boys’-Day“ weckt Interesse am Anderen. Foto oben: Beim Boys‘-Day in der „Werkstätten & Service GmbH“ der Lebenshilfe unterstützt Giacomo (l.) Bugra Congar in der Verpackung. Foto unten: Kevin Maurice Fauré zeigt den Schülerinnen beimGirls‘-Day in der Holzwerkstatt der „Werkstätten & Service GmbH“ der Lebenshilfe, wie sie ihren selbst gemachten Schlüsselanhänger zumGlänzen bringen. FOTOS: RAUKE BORNEFELD Laut derWebseite azubi.desuchen 38,9 Prozent der Schulabgängerinnen einen Ausbildungsplatz im Bereich Gesundheit und Soziales. Immerhin noch mehr als 22 Prozent im Bereich Erziehung und Bildung, gefolgt von den Bereichen Büro und Verwaltung (20,8 Prozent), Kunst, Kultur, Musik und Gestaltung (19,1) sowie Medien und Design (17,6). Jungenstreben weiterhin in die Bereiche Handwerk (27,6 Prozent), Technik (21,1), Elektronik und Mechatronik (20,9), Schutz und Sicherheit (16,7) und Handel, Verkauf und Vertrieb (13,6). Der beliebtesteAusbildungsberuf bei Jungen ist immer noch der Kraftfahrzeugmechatroniker, bei Mädchen die Kauffrau im Büromanagement. Pflegefachleuteverdienen in der Ausbildung besser als ein Fachinformatiker oder eine Fachinformatikerin, Polizisten und Polizistinnen besser als ein Bankkaufmann oder eine Bankkauffrau. (www.ausbildung.de) Mädchen und Jungen entscheiden anders DIVERSITÄT BEI DER AUSBILDUNGSSUCHE?

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