Medienstunde - Ausgabe A1

10 Mittwoch, 15. Juni 2022 Raus aus der Hilflos-Spirale VON RAUKE XENIA BORNEFELD AACHEN Die Wege im Haus der Städteregion Aachen kennen die drei jungen Menschen. Leona Müller, Lara Braun und Marco Henn wundern sich auch kein bisschen über die optimale Getränkeversorgung in dem für sie bereitgestellten Konferenzraum. Als Mitglieder der Bezirksschülerinnen- und Bezirksschülervertretung (BSV) der Städteregion kennen sie das schon. Denn die insgesamt 22 Schülerinnen und Schüler, die sich in derVertretung engagieren, versuchen nicht nur in den etwa 500 Schulen der Städteregion präsent zu sein, sie tagen regelmäßig imHaus der Städteregion und sitzen in den Hauptausschüssen des Städteregionstages – mit Rederecht. Die BSV-Mitglieder haben damit nicht weniger als den Auftrag, die Zukunft in der Region mitzugestalten. „Schule bestimmt wesentlich den Alltag von Kindern und Jugendlichen. Schule muss Schutzraum sein, ein Platz, an dem sie sich frei von Vorurteilen entfalten können und lernen, für sich einzustehen“, beschreibt Lara Braun ihre Idealvorstellung von Schule. Doch nicht immer sei das der Fall, wie Leona Müller meint: „Schülerinnen und Schüler fühlen sich häufig klein.“ Das zu ändern, dafür steht die BSV seit 2009 ein. „Unser Ziel ist es, denen eine Stimme zu geben, die oft überhört werden“, erklärt Lara Braun und meint damit die Schülerinnen und Schüler aller Schulformen. Denn es gebe durchausWege, auch ohneWahlrecht und ohneMitgliedschaft in einer Partei eigene Interessen zu vertreten, „nur sind die nur wenigen bekannt“. Diese Möglichkeiten aufzeigen, Schulen für gemeinsame Projekte miteinander vernetzen, Schülervertretungen bei Problemen ameigenenBildungsinstitut den Rücken stärken und der kommunalen Politik Wünsche und Forderungen stellvertretend vortragen – dafür engagieren sich die jungen Menschen in der BSV. Offenheit auf beiden Seiten Natürlich: Idealistische Pläne und kreative Vorschläge von Jugendlichen können im politischen Alltag an Glanz verlieren. „Wir bekommen von Erwachsenen häufig positives Feedback für unser generelles politisches Engagement. Wenn es dann um konkrete Projekte geht, hält sich die Begeisterung bei vielen Kommunalpolitikern aber doch in Grenzen“, erzählt Lara Braun. Trotzdem erkennt Marco Henn Offenheit auf beiden Seiten: „Unser Rederecht in den Ausschüssen ist sehr wichtig, weil wir so den Schülerinnen und Schülern Gehör verschaffen und ihre Perspektive darstellen können. Außerdementspinnen sich oft interessante Debatten.“ Die BSV habe zudem einen guten Draht zur Verwaltung, so dass sie auf die Ausgestaltung von Anträgen durchaus Einfluss nehmen könne, „wenn wir auch selbst keine Anträge stellen können und kein Stimmrecht haben“, soMarcoHenn. Mit der imStädteregionshaus angesiedeltenKoordinationsstelle für Jugendpartizipation (JuPa) alsTeil des Bildungsbüros hat die BSV einen direkten Ansprechpartner in der Verwaltung. Und im Team lassen sich auch vermeintlich zähe Aufgaben angehen und durchhalten. „Es ist so etwas wie ein Familiengefühl entstanden. Damit lassen sich auch trockene Themen angehen“, überlegt Marco Henn. Sich für andere stark machen – das stärkt nicht zuletzt auch das eigene Selbstbewusstsein. Das bestätigen alle drei. „Es verschafft einemein gutes Gefühl, wennman etwas erreicht hat. Und dieVerfahren, die wir im Zuge unserer BSV-Arbeit lernen, helfen uns auch in anderen Bereichen“, berichtet Lara Braun. Marco Henn gibt zu: „Bevor ich im Jugendparlament der Stadt Stolberg und in der BSV aktiv wurde, konnte ich keinen Satz geradeaus sprechen. Jetzt klappt das viel besser.“ Außerdem könne er hier seine Meinung wirklich einbringen. „Nur Zuhause zu sitzen und zu schimpfen, hilft ja nichts.“ Manchmal in kleinen Schritten Gerade die Möglichkeit, sich einzubringen, helfe angesichts von Klimakrise, Krieg und anderen gigantischen Problemen „aus der Hilflos-Spirale“ zu kommen. „Wahrscheinlich hat jeder Jugendliche das Gefühl, dieWelt nichtmehr retten zu können – in unserer Generationwie in den vorangegangenen. Aber gerade das motiviert mich, das jetzt anzupacken und zu schaffen“, ist Leona Müller überzeugt. Gehe es auch manchmal nur in kleinen Schritten, gehe doch etwas voran. Und dieMitglieder der BSV könnenwie alleMitglieder von Schülervertretungen sagen: Wir bestimmen die Richtung, die Zukunft mit. Auch ohne Wahlrecht und ohne Mitgliedschaft in einer Partei können Schülerinnen und Schüler ihre Interessen vertreten. Dafür gibt es die BSV. Wofür stehen diese drei Buchstaben? Leona Müller (l.), Marco Henn und Lara Braun sind drei von 22 Jugendlichen, die sich in der Bezirksschülerinnen- und Bezirksschülervertretung der Städteregion Aachen engagieren. Sie bilden ein Scharnier zwischen Schulen und kommunaler Politik. FOTO: RAUKE XENIA BORNEFELD

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