KLENKES - Januar 2023

BYE-BYE2022 OFFENFÜR ALLE SAVETHE DATE Wir blicken bei Kino, Kunst und Kultur zurück und schon einmal in die Zukunft Was sich hinter den Klostermauern in der Region be(ndet Welche Termine man sich für 2023 besser freihalten sollte G1657E Januar 2023 49. Jahrgang kostenlos ↗klenkes.de 01 Mehr Termine. Mehr Kultur. Shockheaded Peter Junk-Oper nach Motiven aus „Der Struwwelpeter“ THEATER AACHEN

Belkis Ayón Ya Esta mos Aquí

inhalt 3 Fotos: Heike Lachmann, Tim Griese, Warner Bros. Entertainment Inc./Jaap Buitendijk, Kira Wirtz, Martin Hols 6magazin 14film 10musik 28spezial 18bühne Liebe Leserinnen und Leser, eigentlich wünscht man sich zum Jahresende ja Entspannung, Besinnlichkeit, Vorfreude auf das kommende Jahr, vielleicht einen Glühwein nach einem erfolgreichen Weihnachtseinkauf oder einen leckeren Tee und ein gutes Buch auf dem Sofa. Aber nix da! Bei uns im Klenkes-Team wollte 2022 unbedingt beweisen, dass man froh sein kann, dass es bald vorbei ist. Wer keinefiese Grippe hatte, bekam einfach noch mal Corona, in der Produktionswochen wurde das Heft von einem zum Teil kranken und stark dezimierten Team zusammengebastelt. Aus dem Krankenbett schickten unsere externen Autoren ihre Texte, rief man wegen einer Frage zurück, hörte man am Telefon krächzende Stimmen und schniefende Nasen. Die, die sich noch auf den Beinen halten konnten, versuchten, nicht auch noch irgendeinem Virus zum Opfer zu fallen. Das war aber nicht so einfach: Bei der letzten Premiere im Theater lagen sowohl die Regisseurin als auch das Bühnenbildnerteammit Fieber im Bett, beim verkaufsoffenen Sonntag im Dezember war an der Ladentüre eines Einrichtungshauses der Vermerk zu lesen: „Wir können wegen der Grippewelle nicht öffnen“. Die Kitas haben momentan einen extremen Ausfall wegen Krankheit zu verzeichnen, von den überfüllten Kinderstationen in den Krankenhäusern deutschlandweit ganz zu schweigen. „Hey 2022, musste das am Ende unbedingt noch sein?“, will man schreien. Doch ein Blick zurück aufs Jahr zeigt, dass 2022 durchaus seine sehr guten Seiten hatte. Welche lesen Sie natürlich im Heft. Und dass ich es vor dem dritten Advent immer noch keine Weihnachtsgeschenke besorgt habe, ist wahrscheinlich auch nicht die Schuld vom Jahr 2022. Nächstes Jahr wird alles besser ... vielleicht. \ magazin 4 was war 2022 – Ein Klenkes-Rückblick auf das vergangene Jahr 6 Kloster für alle Ein Besuch bei den Nonnen in der Elisabethstraße gastro 8 Kommen, gehen, bleiben Gastronomische Neueröffnungen und Schließungen in der Euregio musik 10 War alles wieder gut? Viele Veranstaltungen, Festivals und neue Ideen. Die Musikszene in Aachen – ein Rückblick 11 Hanseatischer Charmebolzen „Gib mir eine zwölfte Chance“ versammelt 100 ausgewählte Songtexte von Bernd Begemann film 14 Hoffnungsträger Das Beste aus 2022 und vielversprechendes für 2023 im Kino-Jahresrück- und Ausblick 15 Neu im Kino „The Banshees of Inisherin“, „Operation Fortune“, „Holy Spider“ u.a. bühne 18 Titel: Tot, aber komisch Die Junk-Oper „Shockheaded Peter“ am Theater Aachen. Ein Vorbericht 20 Polonaise durchs Theater „Club Las Piranjas“ sorgt im Grenzlandtheater für Stimmung kunst 22 Visuelles Erlebnis Die Neueinrichtung der Mittelalterabteilung des Suermondt-Ludwig-Museums literatur 27 „Die Lehman Brothers“ Neues Buch des italienischen Dramatikers Stefano Massini spezial 28 Kalender raus! Events, die man sich für 2023 schon einmal merken sollte terminkalender 30 Klenkes-Highlights 32 Termine und Tipps für Januar Inhalt Klenkes – Stadtmagazin für Aachen und die Euregio 49. Jahrgang Tel. +49(0)241/5101-611 Fax +49(0)241/5101-629 (Redaktion) ↗klenkes.de E-Mail: info-klenkes@ medienhausaachen.de Verlag Medienhaus Aachen GmbH Dresdener Straße 3 52068 Aachen ↗medienhausaachen.de Geschäftsführung Andreas Müller Redaktion Thomas Thelen Chief Content Of(cer (verantwortlich für den Inhalt i.S.d. § 8 Abs. 2 Landespressegesetz NRW) Kira Wirtz Chefredaktion Anzeigen Jürgen Carduck Leiter Werbemarkt (verantwortlich für Anzeigen i.S.d. § 8 Abs. 2 Landespressegesetz NRW) Druck Weiss-Druck GmbH & Co. KG Hans-Georg-Weiss-Str. 7 52156 Monschau Der Klenkes wird gedruckt auf Bilderdruck-Recyclingpapier. IMPRESSUM Foto: ChristinaRinkens

magazin 4 Januar 2023 1 Alle Jahre wiederEs gibt Events inAachen, um die kommt man einfach nicht herum. Und daran konnte auch die Corona-Pandemie nichts ändern. Und so schoben sich im Oktober Massen von Menschen über den Altstadtflohmarkt, als hätte es niemals eine Pandemie gegeben. Auch der Weihnachtsmarkt ist 2022 wieder so voll wie 2019. Beim „Domspringen“ (September) war ebenfalls jeder Platz belegt, beimWeinsommer (September) musste man ziemlich lange warten, umüberhaupt einen Platz an einem der Tische zu bekommen. Tische gab es beim Archimedischen Sandkasten ( Juli/August) zwar keine, aber dafür unzählige Bagger und Schaufeln für die Kinder, die sechs Wochen lang auf dem Katschhof im Sand graben konnten. Für tanzinteressierte Erwachsene war es im März Zeit für „Schrittmacher“. Das Team um Rick Takvorian hat es mal wieder geschafft, internationale Kompanien auf höchstemNiveau in die Euregio zu holen. Und natürlich darf auch das Chio nicht vergessenwerden, die Kurpark Classix und das Septemberspecial. Aber würdenwir jetzt alles aufzählen, was sich an Events in Aachen und Umgebung wiederholt, währenwir nächstes Jahr noch nicht fertig…Eine Übersichtmit jährlichenHighlightsfinden Sie auf Seite 28. \ 2 Bahn frei für die RadelndenNicht erst die OB Sybille Keupen setzt sich für ein fahrradfreundliches Aachen ein. Ob man jetzt der gleichen Meinung ist oder nicht: Ohne Zweifel wird es für die Radfahrer ein kleines bisschen weniger lebensgefährlich durch die Aachener Innenstadt zu kommen. Einer der Gründe sind die Rad-Vorrang-Routen (RVR) in der Stadt Aachen, die seit 2019 schrittweise ausgebaut werden. Die Straßen sind teilweise knallrot, manchmal autofrei und auffällig gestaltet. Es geht Rad voran… \ 3 Baumaßnahmen und ihre FolgenMan könnte fast denken, Aachen Stadtwappenwäre neuerdings rot-weiß gestreift, denn überall in der Stadt sind zweifarbige Baustellen-Markierungen zu sehen. Verbunden mit Verkehrschaos und verzweifelter Routensuche selbst für Einheimische. Hier gesperrt und dort umgeleitet, der Weg von A nach B gestaltet sich oftmals als Odyssee und lässt allenfalls Optimisten staunen, auf ihrer Reise ganz neue Galaxien kennenzulernen („Was?Da lang?Hier war ich ja noch nie ...“). Kleine Erfolgserlebnisse lassen sich aller Kritik zumTrotz dennoch vermelden, so schafft der Abriss des Büchel-Parkhaus, Aachens größtemUrinal, nun nach jahrelangemHickhack endlich Raum für neue Ideen. Auch wenn viele städtebauliche Projekte imRahmen des Innenstadtkonzeptes 2022 in der Selbstwahrnehmung der Verantwortlichen bürgernäher erscheinen als in der Realität, bleibt abzuwarten, ob nach Bushofbelebung, Büchelumgestaltung und Sichtbarmachung vonAachener Bächen sich das Städtchen – wohlmöglich sogar über denAltstadt-Nucleus hinaus (Stichwort: Quartiersaufwertung Driescher Hof/Forst) – so prächtig entwi2 5 3 4 Fotos: Belinda Petri/Kira Wirtz 1

magazin 5 6 8 8 ckeln wird wie geplant. Denn das Erfolgsmodell derMeffis, demUmbau von vier leerstehenden Ladenlokalen in ein sozio-kulturelles Kleinod, ist bisher nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Let’s goAachen! \ 4 Kultur wohin das Auge reicht? Naja, manchmal versteckt sie sich in Aachen hinter unscheinbaren, kleinen Fassaden. Dass in der Raststätte und im Logoi tolle Veranstaltungen (auch in Nischenbereichen) gibt, ist längst bekannt in Aachen. Doch jetzt hat im Frankenberger das Schnack eröffnet, einKulturzentrum, dasmit viel Enthusiasmus und Engagement Kultur für Jedermann ins Franki zu bringen. Ein paar Hausnummernweiter behauptet sich das Überhaupt mit Konzerten und anderen Events. In derWirichsbongardstraße undHarscampstraße haben gleich zwei kleine Ladenlokalemit Kulturgut aufgemacht. Im Raum für Kultur wird seit SeptemberMusik, Kunst, Lesung und Performance geboten. Übrigens, bei denMeffis ist das integrative Theater Sosh eingezogen. Und das hier ist nur eine kleine Auswahl. In Sachen Kultur empfiehlt sich in Aachen eindeutig: Augen weit offenhalten… \ 5 A wie Aachen, B wie…?Die Stadt Aachen hat nicht nur ein „B“, sondern gleich drei für den Kulturbetrieb engagiert: mit Till-Holger Borchert (Suermondt-Ludwig-Museum), Eva Birkenstock (Ludwig Forum) und Rainer Beck (Veranstaltungsmanagement) sind drei neue Akteure amStart, die die Kultur in Aachen nach vorne bringenwollen.Mit AltbewährtemundNeuentdecktemaus eigenen Bestand, anspruchsvoller Gegenwartskunst auf internationalemNiveau oder Street Art-Festival, „Schrittmacher“ und „Stadtglühen“ ... ihr Programm für 2023 wird auf jeden Fall mit Spannung erwartet. Zu den neuen Gesichternwird sich amTheater Aachen noch die neue Intendatin Elena Tzavara gesellen. Die Musiktheaterregisseurin wirdmit der Spielzeit 2023/24 den Posten beziehen. Ingmar Otto (Intendant, Grenzlandtheater) ist auf seinembereits sicher angekommen und begeisterte bereitsmit seiner ersten Spielzeit und ersten Inszenierungen. \ 6 Zukunftsvision Die großen Probleme und Defizite stechen natürlich zuerst ins Auge, da übersieht man leicht, dass es doch immer wieder kleine Fortschritte zu vermelden gibt. ImRahmen des Projekts „Post-Corona-Stadt: Ideen undKonzepte für die resiliente Stadtentwicklung“ entwickelt die Stadtverwaltung gemeinsam mit der RWTH Ideen undKonzepte für eine nachhaltige und zukunftsfähige Stadtentwicklung. Sowar die „ACademie vor Ort“ – das Mitmachbüro der „ACademie für kollaborative Stadtentwicklung“ – mit Studierenden der RWTH sowohl in der Annahalle als auch in der Innenstadt tätig, beispielsweise in der Hartmannstraße oder amMarktkiosk. Dort sorgten ein paar improvisierte Sitzgelegenheiten gleich für ein positiveres Platzgefühl. Ein Spaziergang im Domviertel mit den Architekten und Raumplanern Markus Ulrich und Joachim Schmidt, den umtriebigen Köpfen von archigraphus, offenbarte auch manche „Un-Orte“, die im Alltag gar nicht wahrgenommen werden. Beispielsweise den Klosterplatz, dem die freundliche Umgestaltung mit Begrünung und Bänken vor einigen Jahren aus politischen Gründen verwehrt blieb, dabei ist dieser ultra-zentrale Platz mehr als nur ein Luxus-Parkplatz und verdiente eine Aufwertungmit höherer Aufenthaltsqualität – und mehr Grün. Vielleicht bringt die Fortsetzung der „Essbaren Innenstadt“ ja endlich mehr Blümchen und Bäumchen in die City, dann klappt es auch bessermit der Klimaregulierung im zugepflasterten und verdichteten Innenstadtbereich.\ 7 Es bleibt teuer Auf der einen Seite hatman den Eindruck überall wird gebaut und dochfindetman keine (bezahlbareWohnung) Studentenappartements, die noch vor 20 Jahren aufgrund des enormen Preises leer geblieben wären, gehen weg wie warme Semmeln und lassen die Frage aufkommen: Woher haben die Studenten das ganze Geld? Ein Blick auf die Mietpreise bei Immoscout wirft die Frage auf: Wer kann sich das bitte alles leisten? Auf dem Aachener Wohnungsmarkt ist auch für 2023 keine Entspannung in Sicht. Der aktuelleWohnungsmarktbericht (Dezember 2022) zeigt, dass sich Bauland, Wohneigentum und Mieten verteuerten und es vielen Aachenern erschweren, passende und trotzdembezahlbareWohnungen zufinden. Na super. \ 8 Mitarbeiter verzweifelt gesuchtFür dieGastronomie bedeutete das Jahr 2022 wieder ein wechselvolles Auf und Ab: auch wenn der Sommer vielen ein einträgliches Terrassengeschäft brachte, machte sich der Personalmangel in der Branche ebenso eklatant bemerkbar wie exorbitante Preissteigerungen bei Zutaten und Energiekosten. Positiv sind die zahlreichen Events in der Region aufgenommenworden, sowohl dasWeinfest inAachen, der Feierabendmarkt in Jülich, der „Schlemmermarkt“ in Wassenberg, das Streetfoodfestival Trek und das „Preuvenemint“ in Maastricht und „Les Epicuriales“ in Lüttich waren bombig besucht, weil die Gäste einfach „ausgehungert“ waren. Ebenfalls erfolgreich war die dritte Auflage des Wijnrestaurant op het land, das temporäre Pop up-Restaurant vonAnnaline und Patriek Doelen. Stellt sich für 2023 die Frage: „Quo vadis Gastronomie?“ Selbstreflexion und kreative Initiativen sind auch in der Horeca-Branche gefragt, beispielsweise mit grenzüberschreitenden Aktionenwie der „Talentförderung“ der Genussregion Euregio Maas-Rhein mit Workshops für Koch- und Restaurateur-Azubis aus allen drei Ländern. Oder demProjekt „Essbare Innenstadt“ in der Annahalle, wo Martin Görg und seine Mitstreiterinnen den Beweis antraten, dass inAachen nicht nur Printen prächtig gedeihen. \ 9 und sonst so? Was lässt sich über 2022 noch sagen? Es war ein verdammt heißer, langer Sommer. Das Freibad amHangweiher platzte fast aus allen Nähten. Die Außengastro wurde bis in den Oktober rein genutzt. Man glaubte im Sommer Corona mal wieder besiegt zu haben, nichtsahnend, dass ein neuer Virus die Kinderstationen gegen Ende des Jahres in den Krankenhäusern überquellen lässt. Der Dom thronte wie jedes Jahr über den Aachenern und die Erstis machten Aachen (auch ohne Ersti-Ralley) zu einer Unistadt. \ Belinda Petri/Kira Wirtz 7 9 9

6 Januar 2023 Längst sind Klöster keine weltfernen Institutionen mehr. Dennoch: der Nonnennachwuchs fehlt. Zeitgleich suchen immer mehr Menschen Ruhe und innere Einkehr. Neue Geschäftsmodelle sind notwendig. Wo sich Himmel und (H)erde treffen. Der Boom der Klöster begann im vierten Jahrhundert und hielt einige Jahrhunderte an. Denn sie boten eine Ausflucht aus Armut und Zugang zu Bildung. Und das nicht nur für Männer. Für Frauen waren sie eine Alternative zur Marter des ewigenKinderkriegens inZeiten ohne Familienplanung. Vielmehr als das boten sie ihnen echte Karrieren an. Denn in den Frauenklöstern hattenNonnen das Sagen. Sahman sie vor einigen Jahren noch häufig imStadtbild, fragt man sich: wo sie denn heute sind, dieOrdensschwestern?Wo ist ihr Platz imöffentlichen LebenAachens? Deshalb habenwir sie besucht: die Franziskaner-Schwestern in der Elisabethstraße am Aachener Dom. „Wennman hier reinkommt, dann geht erstmal die Sonne auf“, strahlt Schwester Christa Maria imKreuzgang des Schervier-Ordens, den sie grinsend die „ICE-Strecke“ nennt. Die mit einemPlexiglas überdachtenWege bringen die Ordensschwestern trockenen Fußes zu den verschiedenen Häusern auf dem Klostergelände in der Elisabethstraße. Und in der Tat ist hinter der unscheinbaren Pforte der Hausnummer 19, von engenKlostermauern nichts zu spüren. Der luftige, von Rosenranken gesäumte Innenhof des 1845 errichtetenKlosters, ist eine Oase mitten in der Aachener Innenstadt. Seit geraumer Zeit trifftman hier längst nicht mehr nur auf Franziskaner-Schwestern. Neben Studierenden der RWTH, die hier in direkter Nachbarschaft zu den Nonnen leben, gehen auch Sinnsuchende aller Couleur ein und aus. Die Angebote reichen von einigen Tagen Auszeit im „Kloster auf Zeit“ oder den dreitägigen Kurzexerzitien bis zumFreiwilligenOrdensjahr. Das Geschlecht spielt dabei keine Rolle: „Letztes Jahr war ich in einem Kurs zu fünft, zwei Schwestern, ein Polizist, eine ältere Dame und eine Schwester einer anderenGemeinde.“ Exerzitien sind eine Erfindung des Jesuiten-Vaters, des Heiligen Ignatius von Loyola. Er gründete den Jesuitenorden und mit ihm die strengen Regeln des Ordens. Und obwohl hier sogar während der Mahlzeiten geschwiegen wird, tue der Austausch zu Beginn und Ende der Exerzitien allen gut, so Schwester Christa Maria: „Das Haus hat sich schon sehr geändert. Wir Schwestern müssen aufpassen, dass wir uns nicht einigeln. Das Klosterleben ist schon ein bisschen eine andere Welt.“ Dass das Kloster in der Innenstadt liege, „sei schon gut“. Jeden Morgen begrüßen die SchervierschwesternObdachlose und andere Menschen, die sich ein Frühstück nicht leisten können. Die Schervierstube war einwarmer Ort für sie, vor allen in den Wintermonaten. Nun, seit Corona, ist der Ort zu klein für die striktenAuflagen geworden. So gibt es nur noch ein Frühstück „to go“ an der Pforte zum Kleinmarschiertor. Das alte „Mutterhaus“, erbaut 1435, war zunächst einHospiz auf demPilgerweg nach Santiago di Compostela. Dann ab 1616 Klarissenkloster, wurde esmit der Säkularisierung durch Napoleon 1802 aufgelöst. 1853 erwarb es Franziska Schervier und gründete hier ihrenOrden. Heute leben hier 24 Ordensschwestern. Das heute aus dunklem Backstein gebaute, rechteckige Gebäude nimmt dabei fast den Charakter einer Festung an. Ohne jedoch etwas Bedrohliches zu haben. Dagegen hält der weiße Anstrich des Innenhofs, der die SonnenstrahIn der Elisabethstraße in Aachen befindet sich das Kloster der Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus, gegründet von Franziska Schervier. Zwischen Studierenden, Armut und Sinnsuchenden – Wie ist das Nonnenleben mitten in Aachen? Von Sabrina Hambloch Fotos: Heike Lachmann Kloster für alle Das „Freiwillige Ordensjahr“ bietet die Möglichkeit, drei bis zwölf Monate in einer Ordensgemeinschaft mitzuleben, mitzubeten, mitzuarbeiten und mitzulernen. Dabei ist es egal, ob man sich kurz nach der Schulzeit, im Berufsleben oder in der Rente be(ndet. Spannend für junge Menschen: das Ordensjahr kann auch im Rahmen eines FSJ – eines freiwilligen sozialen Jahres absolviert werden. ↗ordensjahr.de KLOSTER AUF ZEIT magazin

7 Die Ordensgemeinschaft setzt den Leitfaden der Gründerin Franziska Schervier „Seelen retten – Wunden heilen“ in der heutigen Zeit fort und engagiert sich sozial und seelsorglich für arme Menschen und jene, die am Rande der Gesellschaft stehen. Sie bietet ein Frühstück an, und ist in den Bereichen der Altenp'ege, Ergotherapie, in Pfarrgemeinden, im Hospiz und der Exerzitienbegleitung aktiv. ↗schervier-orden.de ARMER ORDEN Wir Schwestern müssen aufpassen, dass wir uns nicht einigeln. Das Klosterleben ist schon ein bisschen eine andere Welt. Schwester Christa Maria Schwester Christa Maria im Kreuzgang des Schervier-Ordens (oben), Essensausgabe in der Schervier-Stube (rechts) vor Corona len aufzusaugen scheint. Über die Jahre wurden die Gebäude bunt nebeneinander in den Himmel gebaut. Dieses Nebeneinander findet sich auch im Zusammenleben mit den Studierenden der RWTH. Die leben zwar auf einer eigenen Etagemit Gemeinschaftsraum, Küche undWaschmaschine, dennoch laufe man sich, so Schwester ChristaMaria, die selbst weltliche Kleidung trägt, immer wieder über denWeg. Eine chinesische Studentin treffe sie immer wiedermal in der Klosterkapelle an. Einer Studentin gefiel es gar so gut bei den Schwestern, dass sie auch nach dem Studium wohnen blieb. So lebt sie schon seit über fünf Jahren im Kloster. ImZentrum steht für die Schwestern, trotz aller Weltzugewandtheit, das Credo des Hauspatrons, des heiligen Franz vonAssisi. Es ist das Credo der Armut und gleichzeitiger Barmherzigkeit. Ein Ideal, das schon Jesus und seine Jünger predigten und lebten. Der Orden der Schervierschwestern wurde 1853 von Franziska von Schervier, einer wohlhabenden Fabrikantentochter gegründet. Bewusst ging sie ohne einen Pfennig Besitz ihrer „Vocation“, ihrer inneren Berufung von Gott nach, und gründete hier den Orden der Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus. „Mit nur einem Paar Schuhe für drei Ordensschwestern“, erzählt Schwester Christa Maria. Doch Tempus fugit - und so ist das alte Mutterhaus längst nicht mehr auf dem neuesten Stand: Nicht barrierefrei - einÜbel für diemeist hochbetagten Ordensschwestern, die durchschnittlich 80 Jahre alt sind. Ein kleiner Aufzug bringt uns zu den Schlafzimmern: ein schmales Bett, freundliche orange-gelbe Farben, ein eigenes Badezimmermit Dusche undWC, ein simpler Schreibtisch. Es gibt nur ein Telefon für den Ernstfall. „Wenn hier jemand stürzt … “, sorgt sich die Generalvikarin. Der Nachwuchs sei ein großes Problem. Sie selbst ist mit 22 Jahren in den Orden eingetreten, der in direkter Nachbarschaft zu ihrem Elternhaus lag. Als Altenpflegerin habe sie mit den Schwestern zusammengearbeitet. Jedoch spürte sie den Ruf aus persönlichenGründen. ZweiWochen lang habe sie niemandem etwas gesagt, dann teilte sie ihren Entschluss der Familie mit. Vor Kurzem ist wieder eine Frau mit Ende 60 eingetreten, so Schwester Christa Maria. Eine andere Interessentin, Theologin, ist Mitte 50. Die Lebensformmache es wichtig, Rückzugsorte zu haben, so Schwester ChristaMaria: „Das musst du aushalten können, diese Stille“. Einen Zustand, den jedoch immermehrMenschen suchen. Nicht nur liturgisch habe sich das Kloster daher gelockert, um5 Uhr muss hier keiner mehr aufstehen, nunmehr ist es 6Uhr. Auch einfache Änderungen, wie dassman nun durch die Fenster in den Hof sehen kann, wo früher mattes Glas war – zeigt, wie sehr man sich öffnet und dem Individuum Raum gibt. „Wir haben ja nichts zu verbergen hier.“, so die Franziskanerin. Wer ernsthaft in Erwägung zieht, Nonne zu werden, durchlebt eine mindestens achtjährige Aufnahmezeit. Den Ablauf im Kloster kennenlernen, mit den Schwestern zu sprechen, zu sehen „wie ticken die, wie ticke ich“, erläutert Schwester Christa Maria, sei wichtig, um zu sehen, ob das Klosterleben etwas für einen sei. „DasMenschliche kauftman sozusagenmit ein“, und es sei ja nicht die eigene Familie. Die darf man zwar nunmehr besuchen, und Theaterbesuche mit Freunden, oder wie Schwester ChristaMaria „Cats“ inNewYork einmal sehen, ist gestattet. Doch die Eigenverantwortung liege auch bei der Ordensschwester. Die muss sehen, dass sie ihrenAuftrag nicht vernachlässigt. Weltliche Genüsse sind einzugrenzen. Lustig geht es im Kloster dennoch zu. Zum Beispiel, wennman sich gemeinsameine Folge der amerikanischen Jesus-Sitcom„The Chosen“ ansieht. Das Interesse an den klösterlichen Angeboten steigt stark.Weltliche Bedürfnisse und geistliche Sphäre greifen hier ineinander. „Wenn es dir guttut, dann komm!“, lautet hier die Einladung der Schwestern. Das Ordensjahr, bei dem bundesweit rund 120 Klöstermitmachen, bietet Gelegenheit, das Klosterleben für eine längere Zeit zu erfahren. Es seien durchaus auch Leute dabei, die spüren: „Das könnte etwas fürmich sein, die dann eingetreten sind“. Einer Frau, die auf Besuch bei den Schervier-Schwestern war, erging es so. Nun arbeitet sie tatkräftig im karitativen Bereich mit, lächelt Schwester Christa Maria. \ magazin

8 Januar 2023 Das Jahr 2022 war – mal wieder – ein schwieriges Jahr für den Gastronomie-Sektor: Kaum, dass die Läden nach den Lockdowns wieder öffnen durften, brachten Personalmangel undLieferengpässe sowie extreme Verteuerungen bei Rohstoffen und Energiekostendie Branche insWanken.Während auf der einen Seite scharf gerechnet und die Reißleine gezogen wurde, starteten auf der anderen Seite zahlreiche Optimisten mit frischen Ideen. Ein (unvollständiger) Überblick … So verabschiedete sich David Rehschuh mit seinem ambitionierten Restaurant „MundArt“ aus dem Drehturm am Lousberg, Tanja und Jan Kerres übernahmen die schmucke „Eventlocation Belvedere“mit ihremTeamund sorgen künftig für rauschende Feste hoch über denDächern vonAachen. Auch die Burgerbuzze „Ferdinands“ in der Pontstraße wurde geschlossen, dafür haben Kosta Athanasiou und Marcus Kaufmann aber mit dem „Gold of Naples Süd“ ein neues Goldeselchen im ehemaligen Kiosk „Et Möffelche“ eröffnet und versorgen fortan das Südviertel mit ihren original neapolitanischen Pizzen. Ebenfalls neu ist „La Poissonnerie Burtscheid“ bei Rewe Stenten am Krugenofen. Weitere Neueröffnungen in Burtscheid sind das „Noima byDegustino“,„Kensho Sushi“ in der Fußgängerzone und die „Oraya Thai Cuisine“ auf der Hauptstraße im ehemaligen „Birk’s“, zusammen mit „Madame Tam 2“ ist Burtscheid nun also ein neuer Hotspot für asiatische Leckereien. Richtig viel hat sich auch im Frankenberger Viertel getan, beziehungsweise wird sich bald noch tun: Das „Mehlwölkchen“ von Petroula Lioliou und ihrem Mann Paschalis Stoilas hat sofort hohe Wellen geschlagen. Die hausgemachten griechischen Backwaren von Baklava und Waffeln über (vegane) Kourabiedes Mandel-Wölkchen bis zum Clubsandwich und Spanakopita sind inzwischen heißbegehrt, nicht nur bei den Frankies. Aus „Memo’s Imbiss“ wird bald Tamer Basarans „Boho Bowls“: Neben „Don Kebab“ in Herzogenrath, „Gelazzo“ inMerkstein, „Herr Tutto“ und „CAP 1“ in Baesweiler, „Tante Breada“ inAachen (imSommer 2022 neu imehemaligen Tresorraumeiner Bank an der Goethestraße eröffnet) sowie als Hauseigentümer des Bistro-Restaurants „Markt 43“ (ebenfalls ganz fresh in der ehemaligenKarlsapotheke an den Start gegangen und mit der schicken Terrasse amAachenerMarkt imSommer definitiv ein „Place to be“) fügt der quirligeMulti-Gastronomeinweiteres Trendlokal in sein Portfolio. Bis Mitte Januar kocht Jan Estor-Freyaldenhoven noch im „Estor“ am Lavenstein, dann zieht es ihn ins Frankenberger Viertel, wo er imFrühjahr „La Fabrik“ eröffnenwird.Wir können es kaumerwarten und platzen fast vor Neugier. Ebenfalls angekündigt ist die Eröffnung der „Bar Centrale 46“ imehemaligen „DaGino/ Café Groten“. Hier setzt Damiano Tucconi, Inhaber des „Ristorante Carpaccio“ aus Geilenkirchen, weiterhin auf feine italienische Küche. Aber auch außerhalb von City, Burtscheid und Franki tut sich einiges: Das „Bistro Jakob 143“ in der Jakobstraße ist ebenso empfehlenswert wie „Da Giabatta“ in der Lousbergstraße. In Eilendorf sorgt nun das „Restaurant Algarve 1688“ fürmediterrane Spezialitäten. InRichterich steht Anfang Januar das Re-Opening des „Pausenbrot“ an – unter anderemmit einer Kinder-Spielecke. In Stolberg hat die Sterneköchin und erfolgreiche Kochbuchautorin SuVössing zusammen mit ihrem Mann Burkhard „Bui“ das „Weiße Rössl“ übernommen, wo sie eine internationale Landhausküche anbietet. Aus Eschweiler wird die Neueröffnung des „Steakhaus El Rancho“ nach umfassendem Umbau gemeldet. Und bei denNachbarn? InMaastricht gehört die Eröffnung der „Food Church“ zu den spektakulärsten Neuerungen auf dem gastronomischen Sektor: es gibt kleine, feineHäppchen an verschiedenen Stationen, diemit himmlischem Beistand an einer langen Tafel verspeist werden können, beispielsweise von „Flavourz“. In Lüttich verspricht das „Baci“, das neue Restaurant im Théâtre de Liège, kulinarische Highlights. Und mit Arnaud Delvennes „Nono Resto“ geht ein vielversprechender Chef an den Start, immerhin ist er als „TopChef 2022“ ausgezeichnet. \ ↗belvedereaachen.de ↗goldofnaples.de ↗facebook.com/lapoissonnerieburtscheid ↗ken-sho.de ↗cusina-culinaria.de/degustino ↗orayathaicuisine.de ↗madametam.de ↗mehlwoelkchen.com ↗restaurant-estor.de ↗carpaccio-geilenkirchen.de ↗jakob143.de ↗daristoro.de ↗restaurant-algarve.com ↗susanne-voessing.de ↗elrancho-eschweiler.de ↗foodchurch.nl ↗theatredeliege.be/baci-restaurant-theatre ↗nonoresto.be ↗pausenbrot.de Eine der charmantesten Neueröffnungen des Jahres: das Mehlwölkchen. Kommen, gehen, bleiben Neueröffnungen und Schließungen in der Euregio. Gastro-Fachfrau Belinda Petri zieht ein Resümee. Fotos: Mehlwölkchen/Lioliou Fehlt noch ein Restaurant, Bistro oder Café? Dann schreibt an info-klenkes@medienhausaachen.de. News zu gastronomischen Neueröffnungen in der Region gibt es auch einmal monatlich frei Haus – mit dem Genuss-Newsletter: aachener-zeitung.de/ digital/newsletter. RANDNOTIZ gastro

gastro 9 tasting Erlaubt ist, was gefällt Biertastings und Braukurse mit dem erfahrenen Biersommelier. Auch das Jahr 2023 steht bei uns wieder ganz im Zeichen des Bieres: Im Januar präsentiert Biersommelier Michael Steinbusch ein Tasting mit belgischen Bieren im Beecker Bauern- & Erzählkaffee, bei dem handwerklich produzierte Biere verkostet werden – und in Belgien ist erlaubt was gefällt, das heißt es wird wild und experimentierfreudig. Unter fachkundiger Anleitung undmit viel Background-Informationen verspricht das also nicht nur ein sehr leckerer, sondern auch ein kurzweiliger Abend zu werden, denn für Anekdoten rund um belgische Biere ist das Erzählkaffee schließlich genau die richtige Location. Wer auf den Geschmack gekommen ist, kann bei der Biermanufaktur Langguth in Alsdorf in einem Braukurs selber ans Werk gehen – passend zur Jahreszeit brautMichael Steinbusch mit den Teilnehmenden ein winterliches, fruchtig-frischesWeizenbock: bernsteinfarben mit ausgeprägtem Malzkörper und fruchtig hopfigen Noten. ImFebruar gibt es gleich die nächsten Termine: Bei einem Biertasting in Karls Wirtshaus in Aachen werden sechs verschiedene Biere verkostet – im handlichen 0,1 Liter-Glas, das Programm ist schließlich anspruchsvoll und es geht nicht um Druckbetankung, sondern genussvolle Entdeckungen. Anschließend präsentiert der Biersommelier zusammen mit „Fräulein Sahne“ aka Sandra Neyzen feine Biere in Kombinationmit Kuchen und Torte. Klingt verrückt? Passt aber ganz hervorragend! Genauwie die Kombination von Bier und Käse, da lohnt es sich rechtzeitig den März-Termin bei den Genusshelden in Baesweiler zu reservieren, denn die Termine in Kooperation mit dem Linderner Käselädchen sind leider schon alle ausverkauft. Also: Fix anmelden und Prosti! \ bep 13.1. Belgien und seine Biere 18.30 Uhr, Beecker Bauern & Erzählkaffee, Beeck ↗bauernkaffee.de 21.1. Braukurs „Weizenbock“ 8 Uhr, Biermanufaktur Langguth, Alsdorf ↗biermanufaktur-langguth.de 3.2.+3.3. Biertasting 18 Uhr, Karls Wirtshaus, Aachen ↗ karls-wirtshaus.de 11.2. Kuchen & Bier 16 Uhr, Frl. Sahne, Herzogenrath ↗frl-sahne.de 10.3. Käse & Bier 19 Uhr, Die Genusshelden, Baesweiler ↗facebook.com/genussheldenbaesweiler Biersommelier Michael Steinbusch ↗ hopfenkompass.de/Shop Biersommelier Michael Steinbusch Foto: Michael Steinbusch goldenes schwein Restaurant | Bar | Innenhof | Franzstraße 40, 52064 Aachen Jetzt kostenlos registrieren: aachener-zeitung.de/ geruechtekueche Ein Produkt aus dem KUCHE GERUCHTE Kulinarische Neuigkeiten frisch serviert. Der monatliche Newsletter für das Dreiländereck: Alle Neuigkeiten und Trends aus Cafés, Bistros und Restaurants Interessante Hintergrundgeschichten zu regionalen Produzenten

10 Januar 2023 Das Jahr 2022 war ein fast schon wieder normales Jahr für die hiesige Kultur- und Musikszene. Die Clubs öffneten ohne Auflagen.Was bislang fehlte, war ein so zahlreich erscheinendes Publikum wie vor der Pandemie. Egal, mit wem man sprach: die Resonanz der Besucher hatte sich deutlich verringert, in manchen Fällen auf ein erschreckendes Maß halbiert. Die Gründe sind vielfältig: ein mehr auf home sweet home umgestelltes Freizeitverhalten, eine generelle Vorsicht wegen der möglichen Ansteckung mit Corona, die Wohnungsnot und gestiegenen Energiekosten (was insbesondere Studierende, Auszubildende und sozial Schwache trifft), also letztendlich das liebe, liebe Geld.Wie bei allenWaren undDienstleistungen schossen auch die Konzertpreise nochmals deutlich nach oben (siehe auch „Preise im Höhenflug“ auf Seite 11). Bedingt durch die zwei „verlorenen“ Jahre der Pandemie gab es einen regelrechten Stau an nicht abgegoltenen Auftritten. Viele Clubs in Deutschland waren überbucht, die Festivals stellten sich der Verpflichtung von Künstlern und Bands, die sie 2022 vielleicht nicht mehr gebucht hätten. Deutlich wurde dies im Programm der Burg Wilhelmstein, wo sich die (fast) abendlichen Auftritte durch eine so lange Saison wie niemals zuvor erstreckten. Ein Aufbegehren der lokalen Musikszene führte zu zwei schönen Ergebnissen: Nach demEnde 2020 veröffentlichtenMusiksampler „Ohne uns ist Oche still“ gab es im April 2022 das zum Sampler versprochene Live-Festival „Wieder Laut!“. Mit 28 Konzerten in neun Tagen in vielen Locations der ganzen Stadt zeigte eine auch von der Stadt Aachen unterstützte Szene, dass man willens war, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Als Experimentierfeld hatte 2021 das die lokale Kulturszene unterstützende Festival „Stadtglühen“mit städtischenGeldern der Idee einer dezentralisiertenKultur denWeg bereitet. Aber erst 2022 drehte dieseNeuheit als Planung aus dem Kulturbetrieb der Stadt Aachen bzw. demmit der Organisation beauftragtenMusikbunker an den nötigen Stellschrauben: Neben den temporären StandortenTemplergraben für Studierende und Elisengarten imZentrumging die Kultur auf Wanderbühnen in die Stadtteile Burtscheid, Richterich, Frankenberger Viertel, Haaren, Eilendorf oder Brand – das kamgut an! Schmerzlich vermisst, aber jetzt wieder da – die beiden Straßenfeste „LothringAir“ ( Juni) und das „Südstraßen-Festival“ (Oktober). Zwei Beispiele für ein Tag/Wochenende mit allerbestem „Kiez“-Charakter für die ganze Familie, dasmit hohemPublikumszuspruch bei bestemWetter belohnt wurde. Auch das erste sommerliche „Kimiko“-Festival auf dem Campus Melaten wurde entsprechend gefeiert: „Steiler Neustart“ schrieb der Klenkes im Juni und hob die auf Studierende zielenden Schwerpunkte HipHop, Electro, House/Techno und die Slamsmit Comedy und Singer/Songwritern hervor. Drei Sommertage im August versüßten auch Machern wie PublikumdasWochenende beim „Kimiko – Isle of Art“-Festival im Hof und Garten des Ludwig Forum. Atmosphärisch ist dieser Park hinter dem Museum sicherlich der schönste Ort für ein relaxtes Festival weit und breit. Junge Aktive in der lokalen Musikszene haben den Standort des alten Tuchwerks in der Soers ausgeguckt. Das „Vielgut“-Festival des MusiknetzwerkAachen e.V. arbeitet auch gerne genreübergreifend zwischenKunst undMusik. Der Verein unterstützt seit vier Jahren die jungeMusikszene in der Stadt, veranstaltetWorkshops, regelmäßige Jamsessions und nutzte die Festivalbühne für eine Paneldiskussion über die Veranstaltungsbranche. So gab es eine Debatte zwischen Aachens Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen, dem Leiter des Kulturbetriebs Olaf Müller undRickOpgenoorth, Veranstalter des Kimiko Festivals, über die Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit der freien Kulturszene und der Stadtverwaltung. Was Kunst und Musik in Kombination auf die Beine stellen, zeigte zum Jahresende die musikalische Fortsetzung der „Beat the System!“-Ausstellung aus demOktober 2021. Neun Veranstaltungen imDezember 2022 legten den Schwerpunkt auf ein Liveprogramm, das sich im besten Sinne allen repressiven Systemen widersetzt und mächtig Empowerment für die Kunst und ihre AnhängerInnen freisetzt. Pussy Riot sind da sicherlichmit ihremAuftritt einen Tag vor Silvester der passende Abschluss des Jahres 2022. \ Draußen war am meisten los: Das Kimiko Festival im Park des Ludwig Forum, die Krachparade zog durch die Innenstadt und das LothringAir belebte als Hotspot der Kultur das Straßenfest beidseits der Wilhelmstraße. Im August zeigte die Demo der „Krachparade“ nochmals mit dem Finger auf die mangelhafte Kommunikation zwischen Stadt(verwaltung) und freier Szene. Ein halbes Dutzend mit Lautsprechern bestückte Wagen vom Krach Kollektiv, Musiknetzwerk Aachen, AZ, Musikbunker, The Base, dem Hotel Europa und viele mehr zogen für das Recht auf kulturelle Freiräume durch die Innenstadt. \ AM RANDE Fotos: Richard Mariaux, Lisa Mariaux, Kira Wirtz 2022 – War alles wieder gut? Viele Veranstaltungen, Festivals und neue Ideen. Die Musikszene in Aachen – ein Rückblick. Von Richard Mariaux musik

musik 11 buch Hanseatischer Charmebolzen „Gib mir eine zwölte Chance“ versammelt 100 ausgewählte Songtexte von Bernd Begemann. Bernd Begemann, Singer/Songwriter deutschsprachiger Lieder, Mit-Erfinder der „Hamburger Schule“ und damals der erste Punk in Bad Salzuflen ist kürzlich 60 Jahre alt geworden. Viele erinnern sich an die Zeiten, als Begemann regelmäßig in Aachen gastierte – als Solist oder mit seiner Band Die Befreiung. Er kam, sah und siegte – im Hauptquartier, Dumont, Franz, Jakobshof, imPlattenladen TamTam und anderen Orten sowie auch an dem Tag, als er in dieser Stadt vier Konzerte vomNachmittag bis in den späten Abend spielte. Der Song „Viel zu glücklich (um lange zu bleiben“) war das Produkt einer Liebe, für die er damals sogar kurzfristig nach Aachen zog – um dann auch wieder schnell von hier zu verschwinden. Begemann-Konzerte lebten von der Emphase, Sprachgewitztheit und seiner unbestreitbaren Ausstrahlung, was oft in einer Dauer von über zweieinhalb bis drei Stunden Länge eher Party mit witzigem Entertainer als Konzert war: „Wenn ich Bernd auf der Bühne sehe, bin ich immer so wahnsinnig abgelenkt von seinemCharisma. Endlich kann ich mir mal in Ruhe alle Texte anschauen“, sagt Judith Holofernes über diese Textsammlung. Begemann schrieb bisher rund 400 Lieder. 100 Songtexte haben es in dieses Buch geschafft, wobei die knalligen Titel oft mehr versprechen als der Songtext hält: „Bis du den Richtigen triffst (nimm mich)“, „Die neuen Mädchen sind da“, „Teil der lebendigen Stadtteilkultur“, „Judith, mach deinen Abschluss“, „Fernsehen mit deiner Schwester“, „Was macht Miss Juni im Dezember?“ oder „St. Pauli hat uns ausgespuckt“. \ rm festivals 2023 Preise im Höhenflug Am Beispiel zweier Mega-Festivals in unserer Region 2023wird einMusikfestivalbesuch nicht für jeden Fan erschwinglichwerden. Das zeigt sich sehr anschaulich am Beispiel zweier Großveranstaltungen hier bei uns in der Region: Für das dreitägige „Pink Pop Festival“ zahlt man im kommenden Jahr 135 Euro pro Tag (!), aber den Vogel schießt hier „Rock am Ring“ in der Eifel ab: Zwar ist das Ticket für alle drei Tagemit 231,50 Euro deutlich günstiger als imniederländischen Landgraaf, dafür schlägt man beim Camping exorbitant zu: 69 Euro (pro Person) für ein „General Camping“ oder „Green Camping“. 131,50 Euro für ein „Rock’n Roll Camping“ (mit alle 50Meter installierten Stromanschlüssen). Das „Caravan Camping“ kostet doppelt: 119 Euro pro Person und nochmals 99 Euro für dasWohnmobil – den „Caravan Pass“. \ rm Bernd Begemann „Gib mir eine zwölfte Chance“ – Ausgewählte Songtexte Ventil Verlag Broschur ca. 216 Seiten 17 Euro Der Preisanstieg macht auch vor dem Pink Pop keinen Halt. 135 Euro pro Tag kostet das Ticket 2023. Foto: Tim Griese aachen.de/nadelfabrik Der gläserne Übersetzer | Suleman Taufiq über die Herausforderungen und kulturellen Besonderheiten im Übersetzungsprozess Vortrag mit der Gelegenheit zum Gespräch Einlass ab 18.15 Uhr über Eingang Reichsweg. Der Eintritt ist frei! Bitte halten Sie sich über unsere Website zu möglichen Änderungen auf dem Laufenden. Foto: Bettina Meister Suleman Taufiq Do, 12.01.23 19.00 Uhr Vortrag in der Nadelfabrik Januar 2023 WWW.EUROGRESS-AACHEN.DE 20:00 Uhr Eurogress Aachen Hagen Rether - LIEBE 20.01. 2023 Foto: Klaus Reinelt

musik 12 Januar 2023 1997 war ein besonderes Jahr für Tom Petty & The Heartbreakers. 1995 und 1996 hatte man sie für Johnny Cash („American: Unchained“) als Backing Band verpflichtet, aber Pettywar ausgebrannt, hatte ein Drogenproblem und alles, wasman 1997 als Bandwollte um wieder in die Spur zu kommen, war ein paar Gigs zu spielen. Dies geschah im legendären Fillmore West in San Francisco. Aus zehnwurden schnell zwanzig Gigs, die zwischen dem10. Januar und 7. Februar gespielt wurden. Am Ende stand eine Setliste von 57 Songs, für die nur zwei Tage geprobt wurde. Die Doppel-CD enthält Jams und Auftritte von Special Guests wie RogerMcGuinn (The Byrds) oder John LeeHooker,Material von Tom Petty und spielfreudige Coverversionen von Songs von Bob Dylan, The Kinks, Rolling Stones, Chuck Berry, Everly Brothers, J.J. Cale, BillWithers und Booker T. & theMG’s. Die packenden, allesamt ausverkauften Auftritte waren ein solcher Erfolg, dass die Heartbreakers sogar den Spitznamen „Fillmore House Band“ erhielten. \ rm Da macht sich einer nackig. Sido lässt auf seinem neuen Album nicht viel übrig vom gut gelaunten Spaßvogel, von Maske ganz zu schweigen. Das brillante Album-Cover sagt schon, was los ist. Jetzt geht es um Sucht und Depressionen. „Atmen“ ist eine nüchterne Bestandsaufnahme der Exzess-Jahre – „Ich schau’ in keinen Spiegel/Ich riech’ nur dran“ – Sido arbeitet die Dämonen und Katastrophen ab: Vaterlosigkeit, Therapie, Ehescheitern, Drogenabstürze, nichts wird hier ausgelassen. Das geht natürlich nicht ohne ordentlich Pathos ab, die Hooks habe hier oft seeehr viel Gefühl. Da kommt ein Uptempo Song wie „Medizin“ mit Gastsänger Jamule im allgemeinen Downtempo des Albums gerade recht und auch das schön sehnsüchtige „Irgendwo“ lässt frische Luft in die zerknirschte Selbstbetrachtung. \ kk Dass die kanadische BandWhite Lung sich auflösen würde, hat sie schon vor der Veröffentlichung ihres fünften Studioalbums „Premonition“ angekündigt. Zu viel im Leben der drei Bandmitglieder hat sich in den vergangenen sechs Jahren seit der Veröffentlichung des Vorgängers „Paradise“ geändert. Da war natürlich die Corona-Pandemie, die die Spielregeln für Kulturschaffende grundlegend verändert hat. Vor allemaber ist SängerinMish Barber-Way Mutter geworden, und das gleich zweimal. Zum Abschied haut das Trio aus Vancouver nochmal zehn Punk-Perlen mit viel Power-Pop-Spirit raus. „Premonition“ handelt von den Widersprüchen des Lebens und unserer Zeit. Es geht darum, gegen die Welt zu wüten, während man in ihr immer noch Platz für Hoffnung und Liebefindet. Es geht darum, zu wachsen – und älter zu werden –, ohne die wütende Energie der Jugend zu verlieren. Die Musik wurzelt zwar im Punk, ist aber melodisch, technisch versiert, komplex. Ein schneller Waschgang für die Seele. Bitte laut hören! \ chr Der Hippie inNeil Young ist zurück und auf der nächsten FFF-Demo läuft dann dieses Album. DennNeil Young beschäftigt sich hier auf Albumlänge mit dem Zustand und möglichen Zukunft unserer Welt. „Love Earth“ ist der große Abschluss-Singalong am Ende der Veranstaltung, während „The World (Is In Trouble Now)“ als Rumpel-Rocker mit prominent platziertem Harmonium zum Aufstand ruft. Rick Rubin hat das Albumroh und direkt produziert, es holpert hier, dass er nur so knarzt. Aber ob er Neil Young nicht den doch recht behäbigen Sound des Harmoniums nicht hätte ausreden können? Das macht die Songs einige Male etwas fußlahm. Zentralmonument des Albums ist das 15minütige „Chevrolet“. Hier bricht Neil Young in gewohnter Sturm-GniedelManier zur großen Reise auf, und hadert mit seiner Liebe zu Autos und der Freiheit des Highway und der Notwendigkeit, dass das alles so nicht weitergehen kann. Neil Young war halt schon immer der beste weiße alte Mann. Und man möchte seinem verhaltenen Optimismus wirklich glauben, wenn er aufbricht, „Walking The Road (To The Future)“. \ kk Vergleicht man dieses vierte Albumder Country-Sängerin/Gitarristin aus Nashville mit dem mittlerweile fünf Jahre alten Vorgänger „Highway Queen“, muss der eingefleischte amerikanische Country-Hardliner eine deutliche Abkehr vom strikten Cowboy-Hut-Sound attestieren. Das ist für deutsche Ohren vielleicht erstmal nicht so dramatisch. Bringt man allerdings den Namen Josh Homme (Queens Of The Stone Age, Iggy Pop u.v.a.) ins Spiel, verstehen viele vielleicht eher die Gratwanderung von Nicole Lane Frady. Homme hat das Album produziert und die Parallelen zum letzten Queens-Album „Villains“ sind denn auch sehr deutlich – Schlagzeugsound, Gitarrenlicks und sogar einzelne Effekte könnten auch aus nicht veröffentlichten Tracks der Queens stammen. Gemischt mit Nikki Lanes Songs, ihrer charakteristischenCountry-Stimme und den immer noch deutlich vorhandenen Eckpfeilern (Stomp, Pedal-Steel, Herzblut, Americana-Kitsch) wird das dann aber doch eine recht runde Sache und für Produzent und Künstlerin die perfekte Symbiose aus Südstaaten-Toughness und klanglicher Rock-Erfolgsschablone. \ kt Ryuichi Sakamoto zählt mit seinem fast 45 Jahre umspannendenWerk zu einem der einflussreichstenKomponisten unserer Zeit. SeineMusik zwischenNeo-Klassik, Ambient und Avantgarde-Pop entzieht sich jeder einfachen Zuschreibung. Seine Soundtracks etwa für „Der letzte Kaiser“ (1987, mit David Byrne) oder „Himmel über der Wüste“ (1990, mit Richard Horowitz) wurden Oscar- bzw. Golden-Globe-prämiert. Bevor im Januar „12“ erscheint, Sakamotos erstes reguläres Studioalbum seit fast sechs Jahren, bietet das vorliegende Tribute-Albumeinen schönen Überblick über das Schaffen des 70-jährigen Japaners. LangjährigeWeggefährtenwieDavid Sylvian oder AlvaNoto interpretieren eher unerwartete Stücke wie „Grains“ (2018) neu. Ausnahme-Bassist Thundercat widmet sich Sakamotos Solo-Debüt „Thousand Knives“ (1978), die Cellistin und FilmkomponistinHildur Guònadóttir nimmt sich dem Stück „World Citizen“ (2004) an. Eine in jederlei Hinsicht würdige Verneigung. \ chr Eine Wiederveröffentlichung aus dem Jahr 1973 mit vier langen Tracks die Fela Kuti und seine Band Nigeria 70 (später Africa 70) 1972 in den Abbey Road Studios neu aufnahmen, nachdem sie in Nigeria zu Hits geworden waren: „Jeun Ko Ku“ (essen und sterben) zum Beispiel ist eine Satire über Völlerei und war Felas erster großer Hit in Westafrika. Brian Eno spielte „Afrodisiac“ David Byrne vor, was einen großen Einfluss auf Talking Heads hatte, als sie „Remain In Light“ aufnahmen. Jay-Z undWill Smith ko-produzierten den Off-Broadway-Hit „Fela!“, Beyoncé nahm den Kuti-Song „Zombie“ zum Coachella-Festival mit und Kamela Harris nutzte Felas Musik bei ihrer ersten gemeinsamenVeranstaltung mit US-Präsident Biden. Mehr an Referenzen geht nicht! Am 13. Januar erscheint dann Fela Kutis LP „Shakara“ anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Albums als weiteres Reissue. \ rm Petrichor – ist das nicht dieser Geruch von Regen auf trockener Erde? Die griechischen Musiker Nicky Kokkoli (sax), Giannis Arapis (guit.) undAlex Zethson (key) trafen sich zufällig in Stockholm und formten mit schwedischen Musiker ihr Sextett Ahanes. Äleklint (tromb.) und Kokkoli starten sanft mit dem Thema von Coltranes „India“ (1963), während die anderen Musiker geduldig an einem berauschenden Fusion-Groove klöppeln. „Sand“ hält die gemütliche Dynamik, bündelt aber die exquisite und sinnliche Gitarrenarbeit von Arapis mit dem subtil treibenden Doublebass-Puls von Zetterberg und dem frei-assoziativen und singenden Blechbüchsen von Äleklint und Kokkoli zu einem duftigen Strauß Techno. Die kurze Improvisation „Piper“ verleiht dem engen Zusammenspiel und dem luftigen Elektro-Jazz-GrooveDruck undDringlichkeit. Der „Kanon“ von Charles Mingus wird cool und entspannt als lyrisches spirituelles Stück interpretiert. Petrichor – dieser Geruch von Regen auf … \ z’kay Punk-Attitüde, Windmühlen-Gitarren und eine klare Botschaft – das geht eigentlich immer. Das internationale Punk-Quartett aus London sieht ihr Debütalbum als Plattform gegen politische Ungerechtigkeit, patriarchalische Ungleichheit, Homophobie, Rassismus und toxische Beziehungen. Was die „all female rock-riot band“ auch schon auf Tour mit Beth Ditto, Shonen Knife und Amyl And The Sniffers verkündet hat, zieht sie auf demDebüt genauso konsequent durch. Denn ursprünglich sollte ihr Album bei Burger Records erscheinen, aber Berichte über sexuelle Übergriffe und Ausbeutungen von Frauen durch Mitarbeiter des Labels führten dazu, dass die Band das Album zurückzog.Musikalisch sind dieMitglieder der LGBTQ+-Gemeinschaft natürlich auch überaus ambitioniert, aus Einflüssenwie Mickey Bradley (Undertones), Skin, Du Blonde und Lyndell Mansfield dreschen NEUETONTRÄGER Ghost Car Truly Trash One Little Independent/Cargo Ahanes Petrichor cleanfeed Fela Kuti Afrodisiac Partisan Records Various Artists To The Moon And Back - A Tribute To Ryuichi Sakamoto Milan Records/Sony Nikki Lane Denim & Diamonds EastWest/H’Art Neil Young & Crazy Horse World Record Reprise Records/Warner White Lung Premonition Domino/Good To Go Sido Paul Urban/Universal Tom Petty & The Heartbreakers Live at the Fillmore – 1997 Warner Records

musik 13 sie einen wütenden Retro-Punksound mit klaren 60-Psych-Orgeln und prägnanten Breaks heraus. \ kt Normalerweise würde das nur notorischen Sammlern passieren, die völlig den Überblick verloren haben: sich ein Albumzweimal ins Regal zu stellen. Auf den ersten Blick mutet das neue Projekt von Kenny Wayne Shephard so an. Er hat sein Album, „Trouble Is“ aus dem Jahr 1997 noch einmal komplett neu aufgenommen. Warum also sollte man es zweimal haben? Ganz einfach: Weil es einfach nur gut ist. Zeitlos sozusagen. Ein Vierteljahrhundert später klingen die Songs so frisch wie eh und je, groovt die Band und brilliert der Solist. Die Reise in die Vergangenheit hat sich für den Ausnahmegitarristen und für seine Fans gelohnt. Vom Opener „Slow Ride“ über „(Long) Gone“ bis hin zum Titelsong „Trouble Is“ kommt das wie aus einem Guss daher. Die „BalladOf AThinMan“ gibt es als Zugabe ebenso dazu wie eine DVD mit aktuellem Konzertmitschnitt und einer Dokumentation über die Entstehung des Originals. Doppelt hält besser – hier gilt das unumwunden! \ alp Wenn Herzensbrüche bei Maarten Devoldere zu so schönen Ergebnissen führen, dann muss er sich jetzt wohl öfter dieses Organ zerdeppern lassen. Denn der Bandleader der belgischen Balthazar schafft es auf diesem Album dermaßen elegant und elegisch zu leiden, dass es für denHörer eine reine Freude ist. Geschrieben in einem Hotelzimmer auf Sizilien spürt man die Mittagshitze, den heißen Südwind, den Stillstand in der Einsamkeit. Das alles aber wird in herrliche Arrangements gegossen, mal mit reichlich Streichern, mal wird’s entspannt funkig, dann sogar fast wüstenrockig. Doch am schönstenwird’s, wenn die Gitarrenriffs von immer größer schwellenden Streicherschichten emporgehoben werden, dass man davon überspült und eingesogen wird. Leiden mit Stil, darauf noch einen Manhattan! \ kk Zum diesjährigen runden Geburtstag zeigt sich der Berliner Multiinstrumentalist Gebhard Ullmann mit „The Chicago Plan“ in großartiger Form. Ein transatlantisches Quartett unter der gemeinsamen Leitung des Saxophonisten und Posaunisten Steve Swell mit Lonberg-Holm am Cello und Elektronix sowie Michael Zerang am Schlagzeug. „For New Zealand“, benannt nach den Amokläufen in der Christchurch-Moschee 2019, erweitert die ohnehin schon breit gefächerte Palette des Quartetts auf erstaunliche Weise. Ullmanns schwerelose Bassklarinetten eröffnet den Tanz zu „Welcome To The Red Island“, verwandelt sich dann zu einem Klagelied. Schlussendlich aber überwiegt die Hoffnung. Bei „Sketch 6“ startet ein gedämpfter Klangwechsel einer Reihe von ineinandergreifendenRiffs von Posaune, Cello und Tenorsaxophon, um anschließend in ein Feuerwerk aus Beckenklängen für Zerang überzuleiten. Es ist ein Album, das das Ensemble ebenso zur Schau stellt, wie die einzelnen Musiker. \ z’kay Es gibt ein paar schöne Querverweise – das neue, zweite Album der britisch-libanesischen Sängerin Nadine Khouri hat erneut John Parish (PJ Harvey!) produziert und die Aufnahmen entstanden in London und Bristol (Portishead!). Damit ist man allerdings längst nicht am Ende mit der Musik vonNadine Khouri. Ihrminimalistischkarges Songwriting entledigt sich jeglicher überflüssiger Instrumentierung, ihre Stimme ist sowohl von schläfriger Lethargie wie changierender Dringlichkeit. Das Albumhandelt immer wieder von all dem, was verloren gegangen ist: ein Leben vor der Social Media-Welt („Song of a Caged Bird“), ihrer Reminiszenz an die Sängerin Lhasa de Sela („Keep On Pushing TheseWalls“) oder lässt einfach ihre Isoliertheit in den eigenen vierWänden in Londonwährend der Pandemie zu Worten und Klängen kommen. \ rm Der in Texas ansässige Komponist und Produzent John Mark Lapham hat sich für sein zweites Album in einer langen Produktionszeit von fünf Jahren eine Schar illustrer Gäste für (digitale) Gastvocals oder diverses Instrumentarium dazu geholt. Denn seine Musik ist breit aufgestellt, reicht von Alt. Country, Dream-Pop, Ambient undRaga-Drones bis zu spirituell inspiriertem Jazz. Die Hälfte der 12 Songs sind instrumental, die zweite Hälfte gehört den hier fast traumwandlerisch eingesetzten Stimmen von Bill Callahan, Emily Cross (Loma) oder JuliaHolter. Das einstündige, atmosphärisch dichte Album ist mehr Klangcollage als Abfolge von Songs und wem‘s denn einer Parallele bedarf, die Werke von David Sylvian und eben auch Julia Holter sind den karg strukturierten „Voids“ von Lapham nicht unähnlich. \ rm Hat heute noch jemand Zeit für einen solch sperrigen Band/Projektnamen? Und wie wird das in der Playlist auf demSmartphone überhaupt korrekt dargestellt? Ach, mit solchen Kinkerlitzchen halten sich die jungen Silver-Surfer um Karl-Jonas Winqvist (Leiter des TSHO), Folk-Wunderkind James Yorkston und Sängerin Nina Persson (Cardigans, A Camp) erst gar nicht auf. Hier geht es eher um fein-ziselierende Klangdetails eines neuenOrchesterwerks, welches mit einem Besuch Yorkstons in seinemStudio inCellardyke Fife, Schottland seinen Lauf nahm. Er begann zumersten Mal, Songs amKlavier statt auf seiner üblichenGitarre zu schreiben, „während er auf das Meer vor seinem Fenster blickte“, wie es das Schicksal und der Handzettel der Plattenfirma noch gut in Erinnerung haben. Die ersten Songs schickte er anWinqvist, gemeinsam überlegten sie, welche weiterenKonsequenzen die neuen Arbeiten erforderten und holten schließlichNina Persson als Gastsängerin für die neue Orchestra-Platte an Bord. Ihre wiedererkennbare Stimme ist denn auch das erste Momentum, welches dem Opener „Sam and Jeanie McGreagor“ als TSHOKlang einen neuenDrall gibt. Nicht, dass Persson die Kapelle gekapert hätte, aber die Parallelen zu späten Songs von ihrem Projekt „A Camp“ und ihrem Solowerk sind unverkennbar. Das Albumerscheint am 13. Januar \ kt Jazz Is Dead ist nicht nur eine der aktuell aufregendsten Jazzreihen in Los Angeles; ungebrochen produktiv sind Producer Adrian Younge & der ex-A Tribe Called Quest-DJ Ali Shaheed Muhammad mit ihrer gleichnamigen Studioreihe, die aktuell mit Ausgabe 15 denweniger bekannten KomponistenGarrett Saracho einlud. Und Saracho ist eine Entdeckung! Er stand zwar in den frühen 70ern beim legendären Label Impulse Records unter Vertrag, spielte mit Horace Tapscotts Pan African People’s Arkestra doch schaffte er es 1973 mit EnMedio” nur zu einer einzigen Soloplatte. Dabei ist die Musik des Vibraphonisten und Pianisten eine überaus gelungene Melange aus Latin Soul, Psychedelic Jazz und Funk – Flöten, Bläser, Streicher, Klavier... fast ein Soundtrack zu einem Blaxploitation-Film dieser Zeit. \ rm Das dänische Duo Svaneborg Kardyb (p, dr) veröffentlicht auf dem Label Gondwana Records (Portico Quartet, Mammal Hands, GoGo Penguin) und gibt somit mit ihrem Album „Over Tage“ (über Dächer) schon einiges über ihre musikalische Richtung preis. Hinzu gesellen sich Ein'üsse dänischer Volksmusik, von Nils Frahm bis Esbjörn Svensson, Minimalismus und diese spezielle nordische Atmosphäre. In dunklen Wintermonaten besonders reizvoll … Das belgische Label Crammed öffnet seine Archive. Mit „Rare Global Pop 80s (Archives 2)“ geht’s in die Vergangenheit der Jahre 1980 bis 1989. Zwischen Pop, New Wave, Weltmusik, Avantgarde und Electro hat’s hier eine bunte Mischung. Gemein ist allen ein manchmal typisch für die 80er cheesy Sound und die wummernden Electrodrums. Unter den 17 Tracks (ndet man gute Bekannte wie Honeymoon Killers, Aksak Maboul, Zazou/Bikays/CY1 oder Karl Biscuit. Gilt es immer noch zu entdecken: Black Sea Dahu, eine Schweizer Indie-Folkband um die Sängerin Janine Cathrein (es gibt noch zwei weitere Cathreins in der Band), veröffentlichte im Februar 2022 ihr 2. Album „I Am Your Mother“, jetzt folgte im November die EP “Orbit” (Mouthwatering Rec.). Großartige Musik! Welche Band vereinigte denn so beherzt unterschiedlichste Musikstile wie KrautRock, frz. Chanson, Electronica, Easy Listening und brasilianischen 70er Pop zu einem Amalgam eigener Prägung? Die britische Band Stereolabveröffentlichten auf dem Warp-Label und die Veröffentlichungen ihres Backkatalogs haben seit letztem Jahr Fahrt aufgenommen. „Pulse of the Electric Brain“ (Warp/Rough Trade) ist eine fast zweistündige Reise mit ihren Arbeiten oder Kooperationen wie z.B. mit Nurse With Wound (im 21minütigen „Trippin’ With The Birds“). Nach dem 2021er Kritikerliebling „Black Acid Soul“ erscheint aktuell eine Deluxe-Edition des Albums von Lady Blackbird. Neben sechs Remixen (u.a. von Greg Foat oder Emma-Jean Thackray) diverser Albumtracks belohnt die Edition mit zusätzlichen fünf neuen Songs dieser großartigen Sängerin! (Foundation Music/BMG) Eine Kooperation, die funktioniert: Techno/House meets Jazz. Basement Jaxx-Mastermind Simon Ratcliffe hat mit den experimentierfreudigen Jazzern Binker Golding (Sax) und Moses Boyd (dr) als Village of the Sundas Crossover-Album „First Light“ (Gearbox/Membrean/Bertus) veröffentlicht. \ red UNDSONST? Kenny Wayne Shephard „Trouble Is ... 25“ Provogue/Mascot Label Group Gebhard Ullmann / The Chicago Plan For New Zealand NotTwo Records Nadine Khouri Another Life Talitres/Rough Trade Warhaus Ha Ha Heartbreak PIAS Old Fire Voids Western Vinyl/Cargo James Yorkston, Nina Persson and The Second-Hand Orchestra The Great White Sea Eagle Domino/Good Togo Adrian Younge & Ali Shaheed Muhammad Jazz Is Dead 015 Jazz Is Dead/Indigo

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