KLENKES - Januar 2023

literatur Emilie Reber ist Buchhändlerin. Vor dem 2. Weltkrieg arbeitete sie in Berlin in einer der wichtigsten Buchhandlungen und freundete sie sich mit dem Schriftsteller HeinrichMann an.Während des Krieges haben sie undMann in Paris zusammen eine Bibliothek der Bücher neu aufgebaut, die inDeutschland verbrannt worden waren, und sich der Résistance angeschlossen. 1947 kehrt Emilie Reber nach Deutschland zurück und eröffnet mit Hilfe der französischen Besatzungsbehörden in einer Kleinstadt amBodensee eine Buchhandlung. Ihr Ziel ist es, mit Literatur gegen die verkrusteten, immer noch vom Nationalsozialismus geprägtenDenkstrukturen anzugehen. Ihr Literaturverständnis ist hoch angesiedelt. Als einVertreter des Rowohlt-Verlages ihr die ersten vier rororo-Taschenbücher präsentiert (zur Erinnerung: Hans Fallada, Graham Greene, Rudyard Kipling, Kurt Tucholsky) verweist sie ihn entrüstet des Geschäftes. Richtige Bücher haben gebunden zu sein! Der Kleinstadtklatsch weiß abends, dass sie den Vertreter in den See geworfen hat. Mit ihrer unabhängigen, selbstbewussten Haltung verschafft sie sich Feinde, gewinnt aber auch zwei Freundinnen und einen weiteren Komplizen, die mit ihr zusammen gegen den immer wieder hochwabernden braunenMief angehen. Der Schweizer Patrick Tschan legt einen brillanten, humorvollen, sehr unterhaltenden und gleichzeitig tiefgründigen Text vor, der so gar nichts mit den vielen bunten Unterhaltungsromanen über Frauen in den 50er-Jahren zu tun hat, die zur Zeit die Buchhandelsregale füllen. Pures Lesevergnügen für alle, die Freude an guter Literatur haben. \ LESETIPP „Schmelzwasser“ – besprochen von Walter Vennen Verschafft es ein pures Lesevergnügen, 836 Seiten in reiner Versform zu lesen? Unbedingt, denn es handelt sich umdas auf Deutsch arg verspätet veröffentlichte Theaterstück „The Lehman Brothers“, welches den Aufstieg einer Familie und den Niedergang einer Investmentbank mit viel Sinn für Witz, Esprit und Dramatik im Brecht’schen Sinne nachzeichnet. Im Flattersatz halb gefüllter Seiten erzählt der italienische Romanautor, Essayist und Dramatiker Stefano Massini vonAnbeginn an. Es ist das Jahr 1844. Der jüdische Viehhändlersohn Heyum Lehmann aus dem bayrischen Dorf Rimpar wandert nach Amerika aus. Nach anfänglichen Schwierigkeiten eröffnet er einen Stoffladen inAlabama. Seinen Namen amerikanisch eingekürzt, erhält Henry Lehman Unterstützung durch zwei nachfolgende Brüder, die den elterlichen Hof mangels Perspektive verlassen. Im Trio entwickeln sie ihre unterschiedlichen Fähigkeiten und Visionen. Vom Handel mit der Baumwolle geht es rasant weiter – zur Kohle, zum Erdöl, zu Eisen, Kaffee und Tabak. Die Lehman Brothers investieren – nach den wirtschaftlichen Dellen des US-amerikanischen Bürgerkriegs, des 1. und 2. Weltkriegs weiter bis ins prosperierende US-Wirtschaftswunder. Hollywoodfilme („King Kong“, „VomWinde verweht“), Züge, Schienennetze, später der Versandhandel, Autos und Flugzeuge – the sky is the limit. Familiär rücken diverse Söhne und Enkel der drei Gründer ins Familienunternehmen nach – nicht immer so erfolgreich wie die Urväter. Manch einemNachkömmling müssen die Gesetze des Kapitalismus rüde eingetrichtert werden. Als 2008 die Investmentbank Lehman Brothers nach 164-jähriger Geschichte in einer Spekulationsblase zusammenbricht, ist kein einziges Familienmitglied mehr aktiv. Als Theaterstückwurde „The Lehman Brothers“ (ursprünglich: The Lehman Trilogy) in 24 Sprachen übersetzt und achtmal für den Tony-Award nominiert. 2018 inszenierte Film- und Theater-Regisseur Sam Mendes (Oscar-Gewinner mit „American Beauty“) das Stück im Londoner National Theatre und gewann drei Tony-Awards. Im Januar hat die Vagantenbühne in Berlin-Charlottenburg noch weitere Aufführungstermine des Stücks auf ihrem Spielplan. \ rm Patrick Tschan Schmelzwasser Braumüller Verlag 336 Seiten 25 Euro Stefano Massini „Die Lehman Brothers“ Hanser 836 Seiten 34 Euro Der italienischer Autor und Theaterregisseur Stefano Massini Foto: Serena Fornari buchkritik Von der Theaterbühne zwischen zwei Buchdeckel Der italienische Dramatiker Stefano Massini erzählt klug die Geschichte der Lehman Brothers. Alexandra Lüthen „Ela“ Kunstanstifter GmbH 200 Seiten, 25 Euro Anna-Maria Caspari „Ginsterhöhe“ Ullstein Verlag 400 Seiten, 16,99 Euro erscheint am 29.12. Rachel Kushner „Harte Leute“ Essays Rowohlt 318 Seiten, 26 Euro Juri Andruchowytsch „Radio Nacht“ Suhrkamp 472 Seiten, 26 Euro

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