KLENKES - Januar 2023

bühne 21 vorbericht Blick in ein anderes Russland Mit der alles andere als missglückten „Missglückten Vorstellung“ nach Kurzgeschichten von Daniil Charms zeigt die kleine Theaterfabrik absurde und zum Nachdenken anregende Puppenszenen für Erwachsene. komödie Nachbarn kann man sich nicht aussuchen Am Das Da-Theater inszeniert Tom Hirtz die Kino-Komödie „Wir sind die Neuen“. Mit Blick auf Gegenwart und Zukunft. Die einen trinken Filterkaffee, die anderen haben eine schicke Senseo-Maschine. Die einen blättern inMagazinen und Büchern, die anderen bekommen ihre Nase kaum über den Rand des Notebook-Bildschirms erhoben. Bei den einen stehen ordentlich Teetassen im Regal, bei den anderen ein Sammelsurium an Weingläsern. Ja, WGs sind unterschiedlich. Und die beiden, die man im Das Da-Theater kennenlernt, könnten unterschiedlicher nicht sein. Das Bühnenbild (Frank Rommerskirchen) ist ungewöhnlich. Von beiden Seiten sitzen die Zuschauer vor der Bühne. Eine offene Stahlkonstruktion zeigt zwei - von der Aufteilung gleiche - Wohnungen samt dazwischenliegendem Flur. Und in diesen beiden Wohnungen spielt sich der von TomHirtz inszenierte Clash of Generations ab. Die Vorlage ist ein Filmvon Ralf Westhoff aus dem Jahr 2014. Aber wie gemacht scheint das Stück für die Bühne in der Liebigstraße. Drei junge strebsame Studis, die es nicht erwarten können, in ein geregeltes, erfolgreiches Arbeitsleben einzutreten, auf der einen Seite. Drei in die Jahre und in Geldnot gekommene Ex-Studis, die ihre ehemalige Uni-WGwiederbeleben wollen und dasmit vielWein undMusik auf der anderen Seite. Klar, dass es da schnell zu erstem Nachbarschaftsstress kommt. Während die Oldies (Alexandra Sydow, Igor Schwab und Johannes Stelzhammer) ihre Kisten zum plärrend lauten Song “Paradise City” in die neueWohnung schleppen undmittags das erste Bier öffnen, rümpfen die drei Studis (SarahGadinger, Kristof Ertl und Lara Henneberger) pikiert ihreNasen, verdrehen die Augen und beschweren sich lauthals. Verkehrte Welt will man sich fragen? Das amüsante und kurzweilige Stück ist an vielen Stellen natürlich humoristisch überspitzt, aber es liegt auch Schwermut darin. Wohnungenwerden teurer, ältereMenschen einsamer. Der Druck auf die junge Generation, was eine gute Ausbildung angeht, immer stärker. Dennoch lässt Hirtz hier nicht den Zeigefinger walten, sondern schafft mithilfe seiner überzeugenden Darsteller einen schönen Theaterabend mit lauten Lachern, widerlegbaren Vorurteilen und guter Musik. „Wir haben keine Kapazitäten frei.Wir können Euch nicht helfen“, so beginnt die Nachbarschaftsbeziehung mit einer klaren Ansage der Jüngeren. „Die sind seltsam spießig und verspannt“, der erste Eindruck der Best-Ager. Doch hinter den Wohnungstüren hat jeder seine Probleme und schnell wird klar: Wenn sich hier alle zusammentun und die einen was von den anderen lernen und annehmen, kann daraus was werden. Und wenn dann amEnde alle ausgelassen auf den Tischen tanzen, fühlt sich der Zuschauer beschwingt und glücklich. So soll es doch sein im Theater! \ kw 5.-29.1. (Do-So) „Wir sind die Neuen“ 20 Uhr (So 18 Uhr), Das Da-Theater ↗dasda.de Übergriffig und freundlich? Die neue WG in „Wir sind die Neuen“ stellt sich vor. Foto: Nico Kleemann Foto: Die kleine Theaterfabrik Was macht der Fuchs mit der vierbeinigenKrähe? Es sind diemanchmal absurden Texte eines Daniil Charms, die Tatjana Jurakowa und ihr Mann Waldemar Faber auf die Puppenbühne bringen. Es sind kleine Szenen, oft komisch, manchmal tragisch und ohne Pointe, die die beiden in der „Missglückten Vorstellung“, so der Titel, inszenieren. Vor allem aber sind es Szenen, deren Zwischentöne teilweise sehr politisch sind und Interpretation und Mitdenken der Zuschauer bedürfen. Das Jurakowa-Projekt holt Russland nach Deutschland und zwar ein verstecktes, intellektuelles und leidendes Russland jenseits von Kremlpropaganda und Balalaikaromantik. Daniil Charms auf die Bühne zu bringen, ist auch eine Reaktion auf das heutige, realitätsferne und aggressive Russland. Denn viele der Figuren sind fremdbestimmt und stecken in Situationen, aus denen es keine Lösung gibt. Der Dichter Daniil Charms hat furchtbar unter dem Stalinismus gelitten und ist in der Psychiatrie des Leningrader Kresti-Gefängnisses ermordet worden. Im Revolutionsjahr 1905 geboren, entdeckte der unangepasste Mann früh seine Liebe zum Schreiben. Sein Hauptwerk sindAphorismen undKurzgeschichten voller abstrakten und oft bitterbösem schwarzenHumors. Er ist auch als Vorläufer des Absurden in der Literatur zu sehen. „Wir setzen diese Geschichten in Puppenspiel um, um ihnen in einemaktuellenKontext neues Leben einzuhauchen“, sagt Tatjana Jurakowa. Die Puppen sind äußerst detailreich und liebevoll gestaltet, egal, ob es Fische sind, die auch im Stück eine Rolle spielen oder der mannshohe Sowjetveteran im Rollstuhl. Nach Stationen in der Bismarckstraße und im Theater 99 am Gasborn hat das Jurakowa-Projekt jetzt in der „Kleinen Theaterfabrik“ im Tuchwerk in der Soers eine neue Heimat gefunden, wo unter anderemauch das Theater K sowie bildende Künstler eine Heimat haben. Neben zahlreichen Kinderstücken und Workshops feiert das Erwachsenenstück „Missglückte Vorstellung“ Premiere. \ adv. 14.1. „Missglückte Vorstellung“ 20 Uhr, Kleine Theaterfabrik, Tuchwerk Aachen ↗jurakowaprojekt.de Mit Puppen werden die episodischen Geschichten von Daniil Charms in der Kleinen Theaterfabrik für Erwachsene auf die Bühne gebracht.

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