KLENKES - Januar 2023

musik 13 sie einen wütenden Retro-Punksound mit klaren 60-Psych-Orgeln und prägnanten Breaks heraus. \ kt Normalerweise würde das nur notorischen Sammlern passieren, die völlig den Überblick verloren haben: sich ein Albumzweimal ins Regal zu stellen. Auf den ersten Blick mutet das neue Projekt von Kenny Wayne Shephard so an. Er hat sein Album, „Trouble Is“ aus dem Jahr 1997 noch einmal komplett neu aufgenommen. Warum also sollte man es zweimal haben? Ganz einfach: Weil es einfach nur gut ist. Zeitlos sozusagen. Ein Vierteljahrhundert später klingen die Songs so frisch wie eh und je, groovt die Band und brilliert der Solist. Die Reise in die Vergangenheit hat sich für den Ausnahmegitarristen und für seine Fans gelohnt. Vom Opener „Slow Ride“ über „(Long) Gone“ bis hin zum Titelsong „Trouble Is“ kommt das wie aus einem Guss daher. Die „BalladOf AThinMan“ gibt es als Zugabe ebenso dazu wie eine DVD mit aktuellem Konzertmitschnitt und einer Dokumentation über die Entstehung des Originals. Doppelt hält besser – hier gilt das unumwunden! \ alp Wenn Herzensbrüche bei Maarten Devoldere zu so schönen Ergebnissen führen, dann muss er sich jetzt wohl öfter dieses Organ zerdeppern lassen. Denn der Bandleader der belgischen Balthazar schafft es auf diesem Album dermaßen elegant und elegisch zu leiden, dass es für denHörer eine reine Freude ist. Geschrieben in einem Hotelzimmer auf Sizilien spürt man die Mittagshitze, den heißen Südwind, den Stillstand in der Einsamkeit. Das alles aber wird in herrliche Arrangements gegossen, mal mit reichlich Streichern, mal wird’s entspannt funkig, dann sogar fast wüstenrockig. Doch am schönstenwird’s, wenn die Gitarrenriffs von immer größer schwellenden Streicherschichten emporgehoben werden, dass man davon überspült und eingesogen wird. Leiden mit Stil, darauf noch einen Manhattan! \ kk Zum diesjährigen runden Geburtstag zeigt sich der Berliner Multiinstrumentalist Gebhard Ullmann mit „The Chicago Plan“ in großartiger Form. Ein transatlantisches Quartett unter der gemeinsamen Leitung des Saxophonisten und Posaunisten Steve Swell mit Lonberg-Holm am Cello und Elektronix sowie Michael Zerang am Schlagzeug. „For New Zealand“, benannt nach den Amokläufen in der Christchurch-Moschee 2019, erweitert die ohnehin schon breit gefächerte Palette des Quartetts auf erstaunliche Weise. Ullmanns schwerelose Bassklarinetten eröffnet den Tanz zu „Welcome To The Red Island“, verwandelt sich dann zu einem Klagelied. Schlussendlich aber überwiegt die Hoffnung. Bei „Sketch 6“ startet ein gedämpfter Klangwechsel einer Reihe von ineinandergreifendenRiffs von Posaune, Cello und Tenorsaxophon, um anschließend in ein Feuerwerk aus Beckenklängen für Zerang überzuleiten. Es ist ein Album, das das Ensemble ebenso zur Schau stellt, wie die einzelnen Musiker. \ z’kay Es gibt ein paar schöne Querverweise – das neue, zweite Album der britisch-libanesischen Sängerin Nadine Khouri hat erneut John Parish (PJ Harvey!) produziert und die Aufnahmen entstanden in London und Bristol (Portishead!). Damit ist man allerdings längst nicht am Ende mit der Musik vonNadine Khouri. Ihrminimalistischkarges Songwriting entledigt sich jeglicher überflüssiger Instrumentierung, ihre Stimme ist sowohl von schläfriger Lethargie wie changierender Dringlichkeit. Das Albumhandelt immer wieder von all dem, was verloren gegangen ist: ein Leben vor der Social Media-Welt („Song of a Caged Bird“), ihrer Reminiszenz an die Sängerin Lhasa de Sela („Keep On Pushing TheseWalls“) oder lässt einfach ihre Isoliertheit in den eigenen vierWänden in Londonwährend der Pandemie zu Worten und Klängen kommen. \ rm Der in Texas ansässige Komponist und Produzent John Mark Lapham hat sich für sein zweites Album in einer langen Produktionszeit von fünf Jahren eine Schar illustrer Gäste für (digitale) Gastvocals oder diverses Instrumentarium dazu geholt. Denn seine Musik ist breit aufgestellt, reicht von Alt. Country, Dream-Pop, Ambient undRaga-Drones bis zu spirituell inspiriertem Jazz. Die Hälfte der 12 Songs sind instrumental, die zweite Hälfte gehört den hier fast traumwandlerisch eingesetzten Stimmen von Bill Callahan, Emily Cross (Loma) oder JuliaHolter. Das einstündige, atmosphärisch dichte Album ist mehr Klangcollage als Abfolge von Songs und wem‘s denn einer Parallele bedarf, die Werke von David Sylvian und eben auch Julia Holter sind den karg strukturierten „Voids“ von Lapham nicht unähnlich. \ rm Hat heute noch jemand Zeit für einen solch sperrigen Band/Projektnamen? Und wie wird das in der Playlist auf demSmartphone überhaupt korrekt dargestellt? Ach, mit solchen Kinkerlitzchen halten sich die jungen Silver-Surfer um Karl-Jonas Winqvist (Leiter des TSHO), Folk-Wunderkind James Yorkston und Sängerin Nina Persson (Cardigans, A Camp) erst gar nicht auf. Hier geht es eher um fein-ziselierende Klangdetails eines neuenOrchesterwerks, welches mit einem Besuch Yorkstons in seinemStudio inCellardyke Fife, Schottland seinen Lauf nahm. Er begann zumersten Mal, Songs amKlavier statt auf seiner üblichenGitarre zu schreiben, „während er auf das Meer vor seinem Fenster blickte“, wie es das Schicksal und der Handzettel der Plattenfirma noch gut in Erinnerung haben. Die ersten Songs schickte er anWinqvist, gemeinsam überlegten sie, welche weiterenKonsequenzen die neuen Arbeiten erforderten und holten schließlichNina Persson als Gastsängerin für die neue Orchestra-Platte an Bord. Ihre wiedererkennbare Stimme ist denn auch das erste Momentum, welches dem Opener „Sam and Jeanie McGreagor“ als TSHOKlang einen neuenDrall gibt. Nicht, dass Persson die Kapelle gekapert hätte, aber die Parallelen zu späten Songs von ihrem Projekt „A Camp“ und ihrem Solowerk sind unverkennbar. Das Albumerscheint am 13. Januar \ kt Jazz Is Dead ist nicht nur eine der aktuell aufregendsten Jazzreihen in Los Angeles; ungebrochen produktiv sind Producer Adrian Younge & der ex-A Tribe Called Quest-DJ Ali Shaheed Muhammad mit ihrer gleichnamigen Studioreihe, die aktuell mit Ausgabe 15 denweniger bekannten KomponistenGarrett Saracho einlud. Und Saracho ist eine Entdeckung! Er stand zwar in den frühen 70ern beim legendären Label Impulse Records unter Vertrag, spielte mit Horace Tapscotts Pan African People’s Arkestra doch schaffte er es 1973 mit EnMedio” nur zu einer einzigen Soloplatte. Dabei ist die Musik des Vibraphonisten und Pianisten eine überaus gelungene Melange aus Latin Soul, Psychedelic Jazz und Funk – Flöten, Bläser, Streicher, Klavier... fast ein Soundtrack zu einem Blaxploitation-Film dieser Zeit. \ rm Das dänische Duo Svaneborg Kardyb (p, dr) veröffentlicht auf dem Label Gondwana Records (Portico Quartet, Mammal Hands, GoGo Penguin) und gibt somit mit ihrem Album „Over Tage“ (über Dächer) schon einiges über ihre musikalische Richtung preis. Hinzu gesellen sich Ein'üsse dänischer Volksmusik, von Nils Frahm bis Esbjörn Svensson, Minimalismus und diese spezielle nordische Atmosphäre. In dunklen Wintermonaten besonders reizvoll … Das belgische Label Crammed öffnet seine Archive. Mit „Rare Global Pop 80s (Archives 2)“ geht’s in die Vergangenheit der Jahre 1980 bis 1989. Zwischen Pop, New Wave, Weltmusik, Avantgarde und Electro hat’s hier eine bunte Mischung. Gemein ist allen ein manchmal typisch für die 80er cheesy Sound und die wummernden Electrodrums. Unter den 17 Tracks (ndet man gute Bekannte wie Honeymoon Killers, Aksak Maboul, Zazou/Bikays/CY1 oder Karl Biscuit. Gilt es immer noch zu entdecken: Black Sea Dahu, eine Schweizer Indie-Folkband um die Sängerin Janine Cathrein (es gibt noch zwei weitere Cathreins in der Band), veröffentlichte im Februar 2022 ihr 2. Album „I Am Your Mother“, jetzt folgte im November die EP “Orbit” (Mouthwatering Rec.). Großartige Musik! Welche Band vereinigte denn so beherzt unterschiedlichste Musikstile wie KrautRock, frz. Chanson, Electronica, Easy Listening und brasilianischen 70er Pop zu einem Amalgam eigener Prägung? Die britische Band Stereolabveröffentlichten auf dem Warp-Label und die Veröffentlichungen ihres Backkatalogs haben seit letztem Jahr Fahrt aufgenommen. „Pulse of the Electric Brain“ (Warp/Rough Trade) ist eine fast zweistündige Reise mit ihren Arbeiten oder Kooperationen wie z.B. mit Nurse With Wound (im 21minütigen „Trippin’ With The Birds“). Nach dem 2021er Kritikerliebling „Black Acid Soul“ erscheint aktuell eine Deluxe-Edition des Albums von Lady Blackbird. Neben sechs Remixen (u.a. von Greg Foat oder Emma-Jean Thackray) diverser Albumtracks belohnt die Edition mit zusätzlichen fünf neuen Songs dieser großartigen Sängerin! (Foundation Music/BMG) Eine Kooperation, die funktioniert: Techno/House meets Jazz. Basement Jaxx-Mastermind Simon Ratcliffe hat mit den experimentierfreudigen Jazzern Binker Golding (Sax) und Moses Boyd (dr) als Village of the Sundas Crossover-Album „First Light“ (Gearbox/Membrean/Bertus) veröffentlicht. \ red UNDSONST? Kenny Wayne Shephard „Trouble Is ... 25“ Provogue/Mascot Label Group Gebhard Ullmann / The Chicago Plan For New Zealand NotTwo Records Nadine Khouri Another Life Talitres/Rough Trade Warhaus Ha Ha Heartbreak PIAS Old Fire Voids Western Vinyl/Cargo James Yorkston, Nina Persson and The Second-Hand Orchestra The Great White Sea Eagle Domino/Good Togo Adrian Younge & Ali Shaheed Muhammad Jazz Is Dead 015 Jazz Is Dead/Indigo

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