KLENKES - Januar 2023

musik 12 Januar 2023 1997 war ein besonderes Jahr für Tom Petty & The Heartbreakers. 1995 und 1996 hatte man sie für Johnny Cash („American: Unchained“) als Backing Band verpflichtet, aber Pettywar ausgebrannt, hatte ein Drogenproblem und alles, wasman 1997 als Bandwollte um wieder in die Spur zu kommen, war ein paar Gigs zu spielen. Dies geschah im legendären Fillmore West in San Francisco. Aus zehnwurden schnell zwanzig Gigs, die zwischen dem10. Januar und 7. Februar gespielt wurden. Am Ende stand eine Setliste von 57 Songs, für die nur zwei Tage geprobt wurde. Die Doppel-CD enthält Jams und Auftritte von Special Guests wie RogerMcGuinn (The Byrds) oder John LeeHooker,Material von Tom Petty und spielfreudige Coverversionen von Songs von Bob Dylan, The Kinks, Rolling Stones, Chuck Berry, Everly Brothers, J.J. Cale, BillWithers und Booker T. & theMG’s. Die packenden, allesamt ausverkauften Auftritte waren ein solcher Erfolg, dass die Heartbreakers sogar den Spitznamen „Fillmore House Band“ erhielten. \ rm Da macht sich einer nackig. Sido lässt auf seinem neuen Album nicht viel übrig vom gut gelaunten Spaßvogel, von Maske ganz zu schweigen. Das brillante Album-Cover sagt schon, was los ist. Jetzt geht es um Sucht und Depressionen. „Atmen“ ist eine nüchterne Bestandsaufnahme der Exzess-Jahre – „Ich schau’ in keinen Spiegel/Ich riech’ nur dran“ – Sido arbeitet die Dämonen und Katastrophen ab: Vaterlosigkeit, Therapie, Ehescheitern, Drogenabstürze, nichts wird hier ausgelassen. Das geht natürlich nicht ohne ordentlich Pathos ab, die Hooks habe hier oft seeehr viel Gefühl. Da kommt ein Uptempo Song wie „Medizin“ mit Gastsänger Jamule im allgemeinen Downtempo des Albums gerade recht und auch das schön sehnsüchtige „Irgendwo“ lässt frische Luft in die zerknirschte Selbstbetrachtung. \ kk Dass die kanadische BandWhite Lung sich auflösen würde, hat sie schon vor der Veröffentlichung ihres fünften Studioalbums „Premonition“ angekündigt. Zu viel im Leben der drei Bandmitglieder hat sich in den vergangenen sechs Jahren seit der Veröffentlichung des Vorgängers „Paradise“ geändert. Da war natürlich die Corona-Pandemie, die die Spielregeln für Kulturschaffende grundlegend verändert hat. Vor allemaber ist SängerinMish Barber-Way Mutter geworden, und das gleich zweimal. Zum Abschied haut das Trio aus Vancouver nochmal zehn Punk-Perlen mit viel Power-Pop-Spirit raus. „Premonition“ handelt von den Widersprüchen des Lebens und unserer Zeit. Es geht darum, gegen die Welt zu wüten, während man in ihr immer noch Platz für Hoffnung und Liebefindet. Es geht darum, zu wachsen – und älter zu werden –, ohne die wütende Energie der Jugend zu verlieren. Die Musik wurzelt zwar im Punk, ist aber melodisch, technisch versiert, komplex. Ein schneller Waschgang für die Seele. Bitte laut hören! \ chr Der Hippie inNeil Young ist zurück und auf der nächsten FFF-Demo läuft dann dieses Album. DennNeil Young beschäftigt sich hier auf Albumlänge mit dem Zustand und möglichen Zukunft unserer Welt. „Love Earth“ ist der große Abschluss-Singalong am Ende der Veranstaltung, während „The World (Is In Trouble Now)“ als Rumpel-Rocker mit prominent platziertem Harmonium zum Aufstand ruft. Rick Rubin hat das Albumroh und direkt produziert, es holpert hier, dass er nur so knarzt. Aber ob er Neil Young nicht den doch recht behäbigen Sound des Harmoniums nicht hätte ausreden können? Das macht die Songs einige Male etwas fußlahm. Zentralmonument des Albums ist das 15minütige „Chevrolet“. Hier bricht Neil Young in gewohnter Sturm-GniedelManier zur großen Reise auf, und hadert mit seiner Liebe zu Autos und der Freiheit des Highway und der Notwendigkeit, dass das alles so nicht weitergehen kann. Neil Young war halt schon immer der beste weiße alte Mann. Und man möchte seinem verhaltenen Optimismus wirklich glauben, wenn er aufbricht, „Walking The Road (To The Future)“. \ kk Vergleicht man dieses vierte Albumder Country-Sängerin/Gitarristin aus Nashville mit dem mittlerweile fünf Jahre alten Vorgänger „Highway Queen“, muss der eingefleischte amerikanische Country-Hardliner eine deutliche Abkehr vom strikten Cowboy-Hut-Sound attestieren. Das ist für deutsche Ohren vielleicht erstmal nicht so dramatisch. Bringt man allerdings den Namen Josh Homme (Queens Of The Stone Age, Iggy Pop u.v.a.) ins Spiel, verstehen viele vielleicht eher die Gratwanderung von Nicole Lane Frady. Homme hat das Album produziert und die Parallelen zum letzten Queens-Album „Villains“ sind denn auch sehr deutlich – Schlagzeugsound, Gitarrenlicks und sogar einzelne Effekte könnten auch aus nicht veröffentlichten Tracks der Queens stammen. Gemischt mit Nikki Lanes Songs, ihrer charakteristischenCountry-Stimme und den immer noch deutlich vorhandenen Eckpfeilern (Stomp, Pedal-Steel, Herzblut, Americana-Kitsch) wird das dann aber doch eine recht runde Sache und für Produzent und Künstlerin die perfekte Symbiose aus Südstaaten-Toughness und klanglicher Rock-Erfolgsschablone. \ kt Ryuichi Sakamoto zählt mit seinem fast 45 Jahre umspannendenWerk zu einem der einflussreichstenKomponisten unserer Zeit. SeineMusik zwischenNeo-Klassik, Ambient und Avantgarde-Pop entzieht sich jeder einfachen Zuschreibung. Seine Soundtracks etwa für „Der letzte Kaiser“ (1987, mit David Byrne) oder „Himmel über der Wüste“ (1990, mit Richard Horowitz) wurden Oscar- bzw. Golden-Globe-prämiert. Bevor im Januar „12“ erscheint, Sakamotos erstes reguläres Studioalbum seit fast sechs Jahren, bietet das vorliegende Tribute-Albumeinen schönen Überblick über das Schaffen des 70-jährigen Japaners. LangjährigeWeggefährtenwieDavid Sylvian oder AlvaNoto interpretieren eher unerwartete Stücke wie „Grains“ (2018) neu. Ausnahme-Bassist Thundercat widmet sich Sakamotos Solo-Debüt „Thousand Knives“ (1978), die Cellistin und FilmkomponistinHildur Guònadóttir nimmt sich dem Stück „World Citizen“ (2004) an. Eine in jederlei Hinsicht würdige Verneigung. \ chr Eine Wiederveröffentlichung aus dem Jahr 1973 mit vier langen Tracks die Fela Kuti und seine Band Nigeria 70 (später Africa 70) 1972 in den Abbey Road Studios neu aufnahmen, nachdem sie in Nigeria zu Hits geworden waren: „Jeun Ko Ku“ (essen und sterben) zum Beispiel ist eine Satire über Völlerei und war Felas erster großer Hit in Westafrika. Brian Eno spielte „Afrodisiac“ David Byrne vor, was einen großen Einfluss auf Talking Heads hatte, als sie „Remain In Light“ aufnahmen. Jay-Z undWill Smith ko-produzierten den Off-Broadway-Hit „Fela!“, Beyoncé nahm den Kuti-Song „Zombie“ zum Coachella-Festival mit und Kamela Harris nutzte Felas Musik bei ihrer ersten gemeinsamenVeranstaltung mit US-Präsident Biden. Mehr an Referenzen geht nicht! Am 13. Januar erscheint dann Fela Kutis LP „Shakara“ anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Albums als weiteres Reissue. \ rm Petrichor – ist das nicht dieser Geruch von Regen auf trockener Erde? Die griechischen Musiker Nicky Kokkoli (sax), Giannis Arapis (guit.) undAlex Zethson (key) trafen sich zufällig in Stockholm und formten mit schwedischen Musiker ihr Sextett Ahanes. Äleklint (tromb.) und Kokkoli starten sanft mit dem Thema von Coltranes „India“ (1963), während die anderen Musiker geduldig an einem berauschenden Fusion-Groove klöppeln. „Sand“ hält die gemütliche Dynamik, bündelt aber die exquisite und sinnliche Gitarrenarbeit von Arapis mit dem subtil treibenden Doublebass-Puls von Zetterberg und dem frei-assoziativen und singenden Blechbüchsen von Äleklint und Kokkoli zu einem duftigen Strauß Techno. Die kurze Improvisation „Piper“ verleiht dem engen Zusammenspiel und dem luftigen Elektro-Jazz-GrooveDruck undDringlichkeit. Der „Kanon“ von Charles Mingus wird cool und entspannt als lyrisches spirituelles Stück interpretiert. Petrichor – dieser Geruch von Regen auf … \ z’kay Punk-Attitüde, Windmühlen-Gitarren und eine klare Botschaft – das geht eigentlich immer. Das internationale Punk-Quartett aus London sieht ihr Debütalbum als Plattform gegen politische Ungerechtigkeit, patriarchalische Ungleichheit, Homophobie, Rassismus und toxische Beziehungen. Was die „all female rock-riot band“ auch schon auf Tour mit Beth Ditto, Shonen Knife und Amyl And The Sniffers verkündet hat, zieht sie auf demDebüt genauso konsequent durch. Denn ursprünglich sollte ihr Album bei Burger Records erscheinen, aber Berichte über sexuelle Übergriffe und Ausbeutungen von Frauen durch Mitarbeiter des Labels führten dazu, dass die Band das Album zurückzog.Musikalisch sind dieMitglieder der LGBTQ+-Gemeinschaft natürlich auch überaus ambitioniert, aus Einflüssenwie Mickey Bradley (Undertones), Skin, Du Blonde und Lyndell Mansfield dreschen NEUETONTRÄGER Ghost Car Truly Trash One Little Independent/Cargo Ahanes Petrichor cleanfeed Fela Kuti Afrodisiac Partisan Records Various Artists To The Moon And Back - A Tribute To Ryuichi Sakamoto Milan Records/Sony Nikki Lane Denim & Diamonds EastWest/H’Art Neil Young & Crazy Horse World Record Reprise Records/Warner White Lung Premonition Domino/Good To Go Sido Paul Urban/Universal Tom Petty & The Heartbreakers Live at the Fillmore – 1997 Warner Records

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