Klenkes - November 2022

literatur buchkritik Sprach-Panoptikum Der Roman „Trottel“ von Jan Faktor kann als experimentelle Autobiografie gelesen werden. Ambivalent, übermütig, autobiografisch, klug, gewitzt, geschwätzig, tragikomisch, peinlich und peinigend - allesamt passende Attribute, die Jan Faktors neuen Roman „Trottel“ treffend beschreiben. Der 1951 in Prag geborene Jan Faktor übersiedelte der Liebe wegen nach Ost-Berlin. Dieser zweite Teil seines Lebens wird zu einer traurigenwie tragikomischen Familiengeschichte und mündet in den Roman „Trottel“, der für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert war. Den renommierten, mit 30.000 Euro dotierten „Wilhelm-Raabe-Literaturpreis“ hat er bereits kürzlich dafür erhalten. Seine Jugend in der Nachkriegszeit der ehemaligen CSSR schilderte Faktor 2010 in Form eines autobiografischen Schelmenromans mit dem augenzwinkernden Titel „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligenHodensackbimbams von Prag“. Bereits damals war er für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagen. „Trottel“ hat Faktor zehn Jahre seines Lebens abverlangt. In einem Erzählstrom mit hunderten Fußnoten – die entweder komplett in die Irre führen oder neue Einblicke ins damalige sozialistische Leben in der DDR-Hauptstadt bieten – mündet vieles in die tragische Geschichte um den Freitod seines psychisch schwer erkrankten Sohnes. Hier ist Faktor die ehrliche Haut, die sich die Trauer von der Seele zu schreiben versucht. Seine Prosa verdeutlicht an diesen Stellen eindringlich die Verzweiflung undHilflosigkeit, die ihn und seine Frau beimWegdriften des Sohnes überfällt. Jan Faktors Selbstbezeichnung ist „Trottel“. Ein Jemand, der unter demRadar seinerMitmenschen läuft, einNarr, ein Schelm, dem für diesen Roman der klassische Erzählstrang vollkommen wurscht ist und der das Kiepenheuer & Witsch-Lektorat in die Verzweiflung getrieben haben muss. Faktor überdreht ständig, erfindet zahllose Wortspielereien, erschafft blühende Fantasielandschaften, kultiviert seine Verehrung für die Band „Rammstein“ mit pseudowissenschaftlichem Unterbau, zeichnet aber ebenso und nebenbei ein Soziogramm der politisierten Prenzlauer Berg-Bohème: ständig bespitzelt von der Stasi, sichWohnraumschaffend, indem ungefragtWände vonVorder- zuHinterhäusern solidarisch eingerissenwerden. Eine Lebenswelt, die rein gar nichts mit dem heutigen saturierten Bezirk in Berlin gemein hat. \ rm Jan Faktor – „Trottel“ Kiepenheuer & Witsch 400 Seiten, 24 Euro Beileibe kein Trottel: Jan Faktor. Foto: Pressefoto Jan Faktor Ich konnte da wirklich viel Unsinn unterbringen. Jan Faktor über seinen Roman „Trottel“ Christoph Peters „Der Sandkasten“ Luchterhand Literaturverlag 256 Seiten, 22 Euro Monique Roffey „Die Meerjungfrau von Black Conch“ Tropen Verlag 238 Seiten, 22 Euro Berna Gonzáles Harbour „Goyas Ungeheuer“ Pendragon Verlag 288 Seiten, 18 Euro Edouard Louis „Anleitung ein anderer zu werden“ Aufbau Verlag 272 Seiten, 24 Euro kommentar Best Sales für Bestseller Ein Plädoyer für den lokalen Buchkauf Die aktuellen Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels geben zu denken.Während die Bücherverkäufe imVergleich zu 2019 umdrei Prozent leicht zurückgegangen sind – die Pandemie-Jahre wurden in der Statistik ausgeklammert – stieg der Anteil der Bestseller mehr als deutlich. Wer kennt sie nicht, die vom SPIEGEL ermittelte wöchentliche Bestsellerliste für Belletristik und Sachbuch, die von vielen Medienweiter kommuniziert wird und deren immer gleichen Namen innerhalb der Top 10 für eben diese Konzentration sorgen: Charlotte Link, Juli Zeh, Ferdinand von Schirach, Isabel Allende, Sebastian Fitzek, Donna Leon, StephenKing, Dörte Hansen… Diese Konzentration auf wenige Autorinnen und Autoren stieg um knapp 40 Prozent! Erklärungen haben die Verlage dafür nur bedingt. Eine ist, dass es mit dem wachsendenOnline-Handel zusammenhängt. Wer seine Bücher im Internet bestellt, dem fehlt das Korrektiv des Buchhändlers/der Buchhändlerin, die hier ganze engagierte Arbeit leisten: Von der Möglichkeit zum Stöbern im Laden und nächtlichen Formaten über Vorlesestunden bis hin zu Autorenlesungen, deren finanzielles Risiko wiederum die Buchhändler*innen alleine tragen. Ganz zu schweigen vom literarischen Fachwissen und den passgenauen Empfehlungen, die den individuellen Geschmack der Käufer*in berücksichtigt. Dass der Einkauf bei der lokalen Buchhandlung auch andere überaus gewünschte Nebeneffekte hat, (Stichwort „Belebung der Innenstädte“) sei hiermal außen vor gelassen. Für die Verlage ist ihr Portfolio eine einfache Mischkalkulation. Das Geld der verkauften Bestseller gleicht die Verluste durch Debüts oder weniger massentaugliche Bücher aus. Aber warum sollten Verlage in diesen Zeiten diese Vielfalt weiter anbieten? Der Mangel an Papier und die damit verbundenen exorbitanten Preissteigerungen im Druck, Lieferengpässe etc. setzen gerade ja nicht nur demBuchhandel zu. Die Bücherpreise klettern nach oben, eine Preiserhöhung um zwei bis vier Euro ist mittlerweile bei den meisten Hardcovern angekommen. Bücher werden zum Luxusgut. Sie sollten es uns wert sein, bei einem Fachhandel vor Ort gekauft zu werden \ rm

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