Klenkes - November 2022

21 AnthrazitdunkleRäume bilden einen atmosphärisch klarenHintergrund für Belkis Ayóns nur um 1986 noch farbigenundbald raumgroßzusammengesetzten Collagen aus kleineren Matritzenplatten, die dann für Materialdrucke in fein abgestimmte grau-weiß-Abstufungen genutzt wurden (Collagraphien). Durch Bemalung und Überlagerung von Pappen und Fundmaterialien ergibt sich ein Flachrelief von freien Formen, dass imDruck in einen Papieruntergrund in mehreren Bearbeitungsvorgängen eingeprägt wird. So hat Belkis Ayón aus kleinen Segmenten, die in die Druckpresse passen, großformatige raumfüllende Werke zusammengesetzt, die die kubanische Grafik vorangebracht haben. Sie mischt dabei Bildelemente aus der christlichen und afrokubanischen Tradition. Ein in Original und Druck gezeigtes Abendmahlmotiv deutet siemitMitteln des AbakuaKultes figurativ weiblich um und wendet sich so politisch doppelt gegen patriarchalische Strukturen. Auf der Suche nach geeigneten Themen für ihr Diplom an der grafischen Abteilung der Akademie in Havanna fand sie den noch ungenutzten AbakuáKult. Der in Kuba nur noch Männern vorbehaltene Geheimbund der Abakuá leiten sich von den Efik und Efo der Cross RiverRegion in Nigeria ab und ist in über 150 „Potencias“ (Logen) organisiert. Belkis Ayón beschäftigte sich mit den ursprünglichen Mythen, Symbolen und Erscheinungsformen und bildete daraus Figurationen und Gruppierungen weißer (verstorbener) und in Grauwerten abgestufter Silhouettenkörper in unterschiedlichen Haltungen, differenziert strukturierten Oberflächen aus ornamentierten Häuten und auf Augenlöcher reduziertenGesichtsmasken, die auch für Verschwiegenheit stehen. Umgeben von rituellen Attributen (Bischofsstäbe, Kreuze, Pflanzen, Schlangen) werdenCharaktere wie Wahrsagerpriester, Kriegergemeinschaftsprinzen, Leopardenmann, der Fisch als Träger sakraler Macht und die weibliche Sikán zum Vokabular Ayóns. Sikán wird geopfert, weil der Geist imFisch starb, der ihr in denWasserkrug schwamm. Seinen verstummtenKlang soll ihre Haut als Trommel wiederbeleben. In ihrer Figur beschreibt und befragt Ayón ab 1991 die Rolle der Frau. Vorher zeigen Verdrängung vom Abendmahl oder die Übergriffigkeit der fischendenMänner, dass esmal anders war. Die Selbstermächtigung Sikáns lädt diese Figurmit Bedeutung auf. Im Modus dieser unterdrückten Frauengestalt des Mythos, der die kubanische Gesellschaft repräsentiert, arbeitet sie ungerechtes Urteilen, falsche Reue, Wunsch nach Seelenheil und Verarbeitung des Todes auf. Die großformatigen Bildthemen werden raumgreifend, neigen dazu, die Grenzen des rechteckigen Bildraums zu durchbrechen und werden nun weihevolle Szenen von Ritualhandlungen und Inszenierungen von Hierarchien. Sowohl christliche wie afrokubanische MachtStrukturen galt es zu thematisieren und durch Überformung zu überwinden. Helldunkelvariationen und einfallsreiche Flächenstrukturen beeindrucken in ihrer visuellen Vielfalt, die unabhängig vom inhaltlichenVerstehen des Motivkreises ausgeklügelt positioniert und zeitgenössisch umgesetzt sind. Hier drückt sich Angst, Unzufriedenheit, Geheimnis, statische Bändigung, Spannung und Bewegtheit aus. Am Intensivsten in Rundfeldern, die kulturell mit Fellen der heiligen Trommel Ekué korrespondieren, die für ein übernatürlichesWesen steht, hier für individuelle Nöte, die in die Haut eingeschrieben werden. Rastlose Bewegtheit wirbelnder Untergründe, Lodern, Ausdrücke von Schmerz und Intoleranz in denTiteln lösen sich vomMythenvokabular zu persönlichenGefühlen, die man in subtilsten Grauabstufungen zu entziffern hat, um im unscheinbar Unplakativen umso explosivere Umwertungen angemahnt zu finden. Bildkünstlerisch von magischer Sogkraft auch ohne Kontext. \ bis 26.2. Belkis Ayón – „Ya Estamos Aquí“ Ludwig Forum für Internationale Kunst ↗ludwigforum.de Belkis Ayón – Blick in die Ausstellunng Mythenjongleurin Das Ludwig Forum für internationale Kunst zeigt eine Werkübersicht der kubanischen Künstlerin Belkis Ayón (1967-99), ergänzt durch Arbeiten kubanischer KünstlerInnen der Sammlung Ludwig. Von Dirk Tölke Foto: Dirk Tölke Die kubanische Künstlerin wurde 1967 in Havanna auf Kuba geboren, fiel schon als Zwölfjährige durch ihre Begabung auf und wurde 197982 gefördert durch den Besuch einer Grundschule für plastische Künste. 1982-86 studierte sie an der National-Akademie der schönen Künste San Alejandro in Havanna und 1986-1991 an der Hochschule für Künste (ISA) in Havanna mit einem Abschluss in Grafik. Sie nahm sich am 11. September 1999 nach einer kometenhaften internationalen Karriere das Leben. \ BELKIS AYÓN Hier drückt sich Angst, Unzufriedenheit, Geheimnis, statische Bändigung, Spannung und Bewegtheit aus. kunst

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