Klenkes - November 2022

16 November 2022 Den Zettel am Eingang hat sie übersehen, als sie im Nebenhaus spätabends nach ihrem Mann schauen will. Das Licht brennt, aber keine Spur von ihm. Erst beimHinausgehen entdeckt sie das Stück Papier, beschwert mit einer Handgranate. In dem Schreiben fordern die Entführer ein Lösegeld von 20 Millionen DMark. Für Ann Kathrin Scheerer (Adina Vetter) und ihren Sohn Johann (Claude Heinrich) beginnt ein Albtraum, der 33 Tage lang und weit darüber hinaus ihr Leben bestimmen wird. Am 25. März 1996 überwältigten zwei Männer Jan Philipp Reemtsma in seinem Haus in Hamburg-Blankenese und hielten ihn über einenMonat gefangen. Regisseur Hans-Christian Schmid undDrehbuchautorMichael Gutmann (siehe Kasten) erzählen den legendären Entführungsfall vornehmlich aus Sicht des Sohnes Johann Scherer, dessen gleichnamiges Buch von 2018 als Vorlage diente. Die polizeilichenAngehörigenbetreuer (YorckDippe, Enno Trebs) sind rund um die Uhr im Haus präsent. Das Anwesen wird gesichert und die Telefonanlage mit Abhörtechnik verkabelt. Zu ihrer eigenen Unterstützung lädt Ann Kathrin den Familienanwalt Johann Schwenn ( Justus von Dohnányi) sowie den langjährigen FreundChristian Schneider (Hans Löw) mit ins Haus ein. In der angespannten Situation bilden die sechs Personen eine eigenwillige Wohngemeinschaft, die nun auf ein Lebenszeichen des Entführten und die Forderungen der Kidnapper wartet. Auch wenn Schmid und Gutmann sich gezielt allen Anleihen am Thriller-Genre verweigern, ist ihnen eine äußerst interessante Kinoerzählung gelungen, deren Spannung sich aus der psychologischen Befindlichkeit und den Interessenskonflikten der Beteiligten speist. Mit großer Präzision werden dabei vor allem die unterdrückten Ängste des 13-jährigen Jungen ins Auge gefasst, der zum intellektuellenVater ein schwieriges Verhältnis hat und nun vonVerlustängsten und Schuldgefühlen geplagt wird. „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ hält sich von allen sentimentalisierenden Verstärkereffekten fern und entwickelt ein genaues Gespür für die schwelenden Kräfte des Ungesagten. Man merkt dem Endergebnis an, dass es seinen Machern nicht leicht fiel, in der Enge der faktischen Ereignisse eine erzählerische Position zu finden. Aber gerade dadurch, dass der Filmgenausowie seine Figurenmit sich selbst ringt, stellt sich der notwendige Einklang zwischen der Dramatik des realen Geschehens und der filmischen Erzählung her. \ „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ D 2022 // R: Hans-Christian Schmid Start: 3.11. | 118 Minuten | FSK 12 Die Angehörigenbetreuer Vera und Nickel tauschen sich mit Johann und seiner Mutter Ann Kathrin Scheerer (v. l.: Yorck Dippe, Enno Trebs, Claude Heinrich, Adina Vetter) sowie Familienfreund Christian Schneider (Hans Löw, hinten) und Anwalt Johann Schwenn (Justus von Dohnányi, vorne) aus. Ausnahmezustand Hans-Christian Schmids Drama „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ handelt von der ReemtsmaEntführung. Von Martin Schwickert Foto: Pandora Film Für Regisseur Hans-Christian Schmid und Drehbuchautor Michael Gutmann („Ich bin einer der langsamsten Schreiber der Welt“) ist der Film die erste gemeinsame Arbeit seit ihrem starken Episodendrama „Lichter“ von 2003. Dabei hatten sie von 1995 bis 2001 gemeinsam Schlag auf Schlag „Nach Fünf im Urwald“, „23 – Nichts ist so wie es scheint“, „Crazy“ und „Herz im Kopf“ auf die Beine gestellt und dabei Pionierarbeit für den seinerzeit dahinsiechenden deutschen Film geleistet. \ DREAMTEAM Inhalte sind mir wichtiger als Technik. Trotzdem geht es immer auch um die Frage: Wodurch wird das, was wir hier machen, zu Kino? Regisseur Hans-Christian Schmid film

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