Klenkes - November 2022

musik 15 In den frühen 70ern arbeiteten der u.a. bei Earl Grant spielende Gitarrist Hank Swarn und die Sängerin Shirley Nanette an einem Projekt namens „Never Coming Back“. Damals ging dieses gemeinsame Album unverdientermaßen unter. Jetzt dürfen wir ein großartiges Soul-Album (Big Crown Rec.) in der Handschrift der 70er Jahre (mit einem Jazz-Approach) (neu) entdecken. „Never Coming Back“? Von wegen. Die aus Georgia stammenden Schwestern Rebecca und Megan Lovell sind typische Südstaatengewächse. Megan (Harmoniegesang, Lap Steel, Resonanzgitarre) und Rebecca (Gitarre, Tasten) wuppen als Larkin Poe ihren derben Blues-Boogie/SouthernRock’n’Roll in den elf Songs von „Blood Harmony“ (Tricki Woo Rec./Indigo) fast im Alleingang. Fünftes Studioalbum in zehn Jahren. Es wird langsam Zeit, dass die Londoner Formation Kansas Smitty’s um Bandleader, Saxophonist und Klarinettist Giacomo Smith (produzierte auch Jamie Cullum) Gehör findet: Eine stupende Verbindung von Jazz, afrikanischen Rhythmen, gespielt mit allen technischen Finessen in cinemascopischen Soundskulpturen. („We’re Not in Kansas Anymore“, Ever Rec./!K7) Die „Made to Measure“-Reihe des belgischen Labels Crammed Discs (Indigo) geht in die 47. Folge. Labelgründer Marc Hollander kuratierte acht neue Kompositionen zwischen Vintage, Experiment und neoklassischem Ambient. Ein Brückenschlag älterer MTM-Interpreten wie Benjamin Lew/ Steven Brown oder Stubbleman (feat. Nils Petter Molvaer) zur neuen Generation (Mary Lattimore, Lucrecia Dalt, Matias Aguayo oder Kaitlyn Aurelia Smith). Bereits im Juni erschienen, aber das Klavieralbum des ukraininischen Pianisten Vadim Neselovskyi ist auch in Zukunft jedwede Empfehlung wert. „Odesa“ (Sunnyside Rec./Good To Go) war die Heimat des 1977 in Odessa geborenen, zwischen Jazz und Klassik pendelnden Ausnahmetalents. Eine glaubwürdige Reminiszenz an die unter dem Krieg leidenden Menschen in der Hafenstadt an der Schwarzmeerküste. 2021 gewann die Sängerin und Songschreiberin Mimmi (Mimmi Tamba) den wichtigen norwegischen Musikpreis Edvard-Prisen. Auf ihrem zweiten Album „Titanic“ (Subsonic Society Audio/ Broken Silence) kann man einerseits Einflüsse von Kate Bush und Beth Gibbons wie andererseits von Solange oder FKA Twigs aufspüren. \ red UNDSONST? ger Carsten Friedrich dieses Doppelalbum kompiliert hat. Waren es dann die folgenden zehn Jahre, dass man ein Auge auf einige britische Helden der 80er/90er Jahre geworfen hatte? Sind The Jazz Butcher, Bill Pritchard, Lloyd Cole, Pete Astor, The Monochrome Set oder Robert Foster, der Australier der Band The Go-Betweens Indizien für diese Labelpolitik? Egal, wir gratulieren Tapete, übrigens gegründet von DirkDarmstaedter (ehemals The Jeremy Days), und wünschen uns die kommenden 20 Jahre weiterhin viel tolle Musik von dem Hamburger Indie-Label. \ rm Wie jetzt? Lambchop mit funky Bass und Discobeats? „Little Black Boxes“, der zweite Song des neuen, 16. Studioalbums des Dauerprojekts von Sänger und Chef-Songschreiber KurtWagner, führt einwenig in die Irre. Denn eigentlich ist das Album eine Ansammlung von Gospeln oder treffender: Spirituals.Wagner geht es dabei gar nicht um Religiosität oder die christliche Kirche (auch wenn das Album „The Bible“ heißt), sondern um Spiritualität an sich, also die Hinwendung zu einer transzendentenWirklichkeit. Tief in ihremKern knüpfen die zehn Stücke deshalb an die Gospels der Schwarzen an. Wagner und seine musikalischen Mitstreiter, Pianist Andrew Broder und Produzent Ryan Olson, überführen sie aber in eine Klangwelt, die der von Bon Iver gar nicht unähnlich ist: Klavier, Slide-Gitarre, Harfe oder Bläser treffen auf elektronische Klangkonstrukte undAutotune-Gesang.Wagner setzt damit denWeg seiner jüngeren Alben fort. Erstaunlicherweise fügt sich der Ausflug in die Disco gut ein. \ chr Der malische Musiker Ali Farka Touré (1939 – 2006) galt als der talentierteste Gitarrist seines Kontinents. Die Liebe zum Blues brachte ihm den Spitznamen „afrikanischer John Lee Hooker“ ein, auch wenn ihm erst spät internationale Aufmerksamkeit zuteil wurde. Sein Sohn Vieux Farka Touré (geboren 1981), selbst erfolgreicher Gitarrist, setzt seinem Vater nun ein Denkmal und interpretiert acht von dessen Stücken neu. Dazu gehören etwa „Diaraby“ aus dem Grammy-gekrönten Album „Talking Timbuktu“, das Ali Farka Touré gemeinsammit Ry Cooder aufgenommen hat (1994). Aus dem früheren „The River“ (1990) stammen „Lobbo“ und „Tamalla“, aus demposthumveröffentlichten „Savane“ dessen Titelstück. Vieux Farka Touré hat sich als Begleitmusiker das texanische Trio Khruangbin ausgesucht. Das unterlegt die traditionellen afrikanischen Wüstenklänge Tourés mit seinem typischen psychedelischen Funk, verleiht den Originalen so einen passenden Unterbau und holt sie in die Gegenwart. \ chr Frank Zappa hat Zeit seines Lebens wohl JEDES seiner Konzerte mitgeschnitten. Auch die Setlist vom21. und 22. November 1975 im damaligen Jugoslawien ist nicht die x-te Variante seiner auf von mir geschätzten rund 100 existierenden Livealben, sondern vor allem ein weiteres Puzzle imKosmos des Frank Zappa. Hier spielte zum allerletzten Male sein alter Mothers of Invention-Bassist Roy Estradamit undNorma Bell anAlt &Sopransax und Andre Lewis (Keyboards) verließenWochen später zwei bisher wenig in Erscheinung getreteneMitglieder die Band wieder. Es verblieben die Veteranen Napoleon Murphy Brock (Sax, Voc) und Schlagzeuger Terry Bozzio. Aber auch unter den 27 Tracks in fast zweieinhalb Stunden Spieldauer sind einige rare Perlen dabei: Drei Songs stammen von dem im Oktober 1975 mit Captain Beefheart veröffentlichten Album „Bongo Fury“. Für Zappalogen bestimmt ungeheuer spannend standen im Programm auch quasi embryonale Versionen von Songs, die erst Jahre später auf „Sleep Dirt“, „Shut Up & Play Yer Guitar“ und „Zoot Allures“ das Licht der Welt erblickten. \ rm Wieder ein klassisches Bluesalbum von BuddyGuy! DerMannwird nichtmüde. Und das ist gut so. 86 Jahre ist der amerikanische Gitarrist und Sänger mittlerweile alt, seine Musik ist jung wie eh und je. Okay, Guy erfindet den Blues nicht neu, er liefert ihn ausgesprochen klassisch und traditionell ab. Aber genau das ist es, wofür er ein langes Leben lang steht. Für die Beständigkeit und Aktualität des Blues. Sein Gitarrenspiel ist über alle Kritik erhaben, hat so viele Gitarristen der Nachfolgegenerationen geprägt. Nicht umsonst zählen Größen des Genres wie Eric Clapton BuddyGuy zu den größten stilistischenVorbildern. SeinTon ist so unverwechselbar wie seine Live-Performance. Ein Entertainer des Blues. Für die neue CDkonnte Guy eine Reihe renommierter Gäste gewinnen. Mavis Staples ist zum Beispiel mit dabei, Elvis Costello, James Taylor, Bobby Rush und Wendy Moten. Rundum ein ausgesprochen gelungenes Album! \ alp Für ein Jazzalbum ist das Cover außergewöhnlich. Vier Musiker springen enthusiastisch von Farben umspritzt in (noch halbwegs) weißen Overalls vor einem blauen Hintergrund herum. Ungewöhnlich ist ebenfalls, dass in diesemQuartett die Geige die Hauptrolle spielt: Johannes Dickbauer gehörte damals dem radio. string.vienna an, die 2006 Aufsehen erregend beim Berliner Jazzfest Stücke des Mahavishnu Orchestra interpretierten. Jetzt steht Dickbauer seinen J.D. Hive vor, einem Quartett mit Pianist, Bassist und Schlagzeuger. DieGeige bringt dann auch deutliche kammermusikalische Klassikund Folkeinflüsse in den Jazz. Das entwickelt mancherorts eine ungestüme Power im filigranen Wechselspiel und lässt auch eine Verschnaufpausemit einer Ballade wie „Breeze of Broken Reflections“ zu. Für Dickbauer waren Jazzgrößen wie Pat Metheny oder Michael Brecker fast prägender, als die großen Violinisten in der Klassik. Mit Didier Lockwood und Mark Feldman hebt er dann aber doch zwei Violinisten hervor. \ rm Deutschrap – es passiert nicht alle Tage, dass es in diesemGenre etwas Erwähnenswertes zu berichten gäbe, was nicht für die Gangsta-Klatschspalten reserviert ist. Hinterlandgang ist nicht nur ein kokettes Wortspiel, sondern auch das Projekt von Albert Münzberg und Pablo Himmelspach, Twentysomethings aus der Provinz von Vorpommern, Kleinstadt Demmin. Und lässt man mal die etwas abgeschmackten Beats von der Stange im Hintergrund außen vor, kommt hier textlich doch eine ziemliche Wucht von der Wiese. „Die Jugendlichen hier erkennen Mopeds am Klang, geh’n sie mal kaputt, dann werden Dorfstraßen lang. Schreibt mir doch ein Fax, wenn ihr Fragen habt, gerade keine Zeit, denn ich bade nackt“. („Dorfstraße“) ist nur eine kleine Fingerübung der „Skills“ der Gang, die nicht nur das Leben auf demLand auf positiveWeise verstanden hat, sondern auch politisch clever zwischen den Zeilen austeilt. Denn oberflächlich ist auch hier das Schnellerhöherweiter-Gebattle als Taktgeber präsent. Doch für schnödesMucki-Posen sind die Texte dann einfach doch zu clever, der Flow zu souverän und die Tiefgründigkeit oft zu komplex, als dassman das bloß aus seinem 3er-BMW rausballert. Heimatliebe ja, Heimatstolz eher weniger. Und wer wieHinterlandgang in „Auf der Jagd nach Leben“ eineNaidoo-Persiflage als Refrain einsetzt, umgleichzeitig die fatale Flüchtlingspolitik zu kritisieren, hat auf jeden Fall Aufmerksamkeit verdient. \ kt Hinterlandgang Maschendraht Audiolith/Cargo J.D. Hive Isn‘t Dinner Lovely Tonight Traumton/Indigo Buddy Guy The Blues Don’t Lie Silvertone/RCA Records Frank Zappa Zappa 75: Zagreb/Ljubljana Zappa Records/Universal Vieux Farka Touré/ Khruangbin Ali Dead Oceans/Cargo Lambchop The Bible City Slang/Rough Trade

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