Klenkes - November 2022

musik 14 November 2022 Mit Macht preschen die Chemnitzer nach vorn, getrieben vom selbstgebauten Kraftkolben aus The Hives-Gitarren und Franz Ferdinand-Grooves, dazu fußballchorstarke Refrains und natürlich die schlauen Texte vomHerrn Kummer. Alles wie immer in ziemlich gut bis besser, und wahnsinnig robust. Vor allem die Variationen überzeugen. „Angst“ behandelt die ‚Alman-Angst‘ vor allem, von FFF bis Antifa, aber „Mike und Frank verteidigen das Abendland“. „Blaues Licht“ ist fast schon ein zärtlicher Up TempoLiebessong und natürlich das herrlich melancholisch-euphorische „Ein Song Reicht“ und die fast schon geniale Kollabo mit Tokio Hotel „Fahr Mit Mir (4x4)“, bei der man Bill Kaulitz „Etwas mit Heimatministeriumkann nichtmeine Heimat sein“ singen hören kann. Das ist schon die beste, schlaueste Gitarrenmusik zu derman als jungerMensch guten Gewissens eskalieren kann. \ kk Ihren Künstlernamen hat die NeuseeländerinChelseaNikkel von ihrer alten Band „Teenwolf“ verpasst bekommen, als liebkosende Erniedrigung sozusagen. Aber das ist nun auch schon wieder 15 Jahre, fünf Princess Chelsea-Alben und elf Singles her. Längst hat die Produzentin, Sängerin undMulti-Instrumentalistin zu ihrem eigenen Sound gefunden, der sich behände zwischen Dreampop, Grunge und tief geschichteten Vocal-Arrangements hindurchschlängelt. Auch dieses „nervous breakdown album“ hat sie selbst zuhause in Aotearoa produziert, mit Gitarren, Bässen, Schlagzeug, Mellotron-Flöten, Harfen, Geigen und den bereits erwähntenDream-Pop-Gesangs-Ansammlungen, die sichmit demschrammeligenGitarrenband-Korsett ganz vorzüglich verstehen. Das sechsminütigeGrunge-Karussell „The ForestMix“ steht dabei ganz absichtlich in krassemKontext zumAnschlusshit „Love IsMore“, der sichmusikalisch lieblich-naiv gibt, textlich aber deutlich tiefer unter dieHaut geht. Und natürlich holt das auch wieder Verweise zur britischen Popkultur der 1960er auf den Plan – ohne dass man Princess Chelsea jetzt Rückwärtsgewandtheit vorwerfen könnte. \ kt Vor 20 Jahren gab’s die schön gemachte Serie „Amiga A Go Go“, die dem staunenden Wessi die Beat, Soul und Funk-Kultur der DDR nahe brachte. Lange her, und mit mehr Fokus auf den 60ern, deshalb umso schöner, diese neue Compilation mit funky Stuff von Max Herre undDexter serviert zu bekommen. Natürlich sind auch vielleicht schon bekannte Klassiker wie Manfred Krugs irrer Pro-Breakbeat-Funk „Wenn’s Draußen Grün Wird“ oder Uschi Brünings Orchester-Soul „Hochzeitsnacht“ dabei. Aber bei 18 Tracks gibt’s genug zu entdecken. Wenn es eine Gemeinsamkeit gibt bei den ganzen Acts, dann, dass man gerne versucht, so viel musikalische Ideen wie möglich unterzubringen. Was dann immer wieder imschönstenGroove für barocke Schlenker sorgt. Aber was für eine Vielfalt! EinKessel Buntesmit vielen bunten Plaste-Blumen, herrlich. \ kk Das im letzten Jahr veröffentlichte Album„In These Silent Days“ der us-amerikanischen Singer/Songwriterin Brandi Carlile gehörte imGenre (Westcoast-) Folkrock/Country sicherlich zu den herausragendsten Produktionen der letzten Jahre. Inspiriert von der berühmt-berüchtigtenMusikszene in Laurel Canyon der 60er/70er spielte sie dieses Album als Special Editionmit einer kleinen Besetzung neu ein.Mit demSchlussakkord ihren eigenen das Konzert abschließenden Version von David Bowie’s „Space Oddity“. Brandi Carlile: „Ich konnte die Protagonist:innen der California Dreamers sehen, die durch einen Polaroid-Dunst trieben. Ich konnte das Marihuana und denWeihrauch riechen. Ich konnte die Harmonien von Crosby Stills Nash hören, die vomLookoutMountain durch denCanyon zogen, und das begleitende Lachen von Mama Cass … Lieder, von denenwir alle wünschten, wir hätten sie geschrieben.Wir haben dieses Album ,In The Canyon Haze’ genannt.“ \ rm Auf „Trust“, dem dritten Album von Christopher Taylor, der unter dem Namen SOHN veröffentlicht, sind die teils wuchtigen, teils verspielten Beats und rhythmischenKonstrukte, die seine ersten beiden Veröffentlichungen noch geprägt hatten, fast verschwunden. Auch von der opulenten Live-Inszenierung mit dem niederländischen Metropole Orkest (2020) ist klanglich nichts übriggeblieben. Stattdessen sind die 13 neuen Stücke derart von Intimität durchzogen, dass sie fast zerbrechlich wirken, wozu auchTaylorsmarkante, hohe Stimme beiträgt. Mit dieser neuen Klangästhetik rückt SOHN in die Nähe von Singer-Songwritern wie Justin Vernon, alias Bon Iver, oder James Blake. Taylor singt von der Bedeutung von Gemeinschaft, von Offenheit und von Familie. Und in dem betörenden „Figure Skating, Neusiedlersee“ dichtet er die Zeile „There’s a crack in the ice where I skated your name“. Das kannman kitschig finden – oder einfach nur herzzerreißend schön. \ chr Vier Grammys haben Snarky Puppy bisher eingesammelt. Das groß angelegte Fusion-Projekt um Bassist und Bandleader Michael League tourt mittlerweile mega-erfolgreich durch die ganze Welt. Alles begann als Gruppe von College-Freunden im Jazz-Studiengang an der University of North Texas in Dallas. Zwölf Alben in 18 Jahren Bandgeschichte folgten. Den Jazz haben Snarky Puppymittlerweile etwas herunter gedimmt. Die rund 25 Mitglieder (19 sind aktuell bei „Empire Central“ dabei) spielen eineMusik, die inweitenTeilen etwas richtungslos, wie gleichzeitig akademisch erscheint: Jazz, Funk, Rock,Weltmusik; durchsetzt mit Partikeln von Blues, Soul und etwas Techno ziehen sich durch die live vor Publikum imStudio aufgenommenen, zu langen neunzig Minuten. \rm Auf seinemDebütalbum„Where is Home“ kombiniert der südafrikanische Cellist Abel Selaocoe die Cello-Suiten Johann Sebastian Bachs mit seinen Kompositionen. Dabei bedient er nicht nur sein Cello, sondern übernimmt auch Gesangsparts. Der afrikanischen Kultur fühlt er sich ebenso verbunden, wie der westlichen klassischen Musiktradition. Überbrückung dieser Pole ist dem Musiker ein Anliegen. Schon seit Langem integriert Abel Selaocoe für einen klassischenMusiker eher unkonventionelle Elemente. Mit freier Improvisation, Gesang undKörper-Percussion kombiniert er virtuos vielfältige Inspirationen. Einige seelenverwandte Kollegen sind bei seinemDebütalbummit dabei. So geben sich u.a. YoYoMa, ColinAlexander und Simran Singh die Ehre. Auf dieseWeise verschmelzen diverse Klangfarben, afrikanische Rhythmen und native Volksmelodien zu einemglobalen Potpourri. Ganz nach Abel Selaocoes façon: „ZuHause sein…“ ist nicht zwangsläufig ein geografischer Ort, sondern „ein Platz, der erdet und Kraft schenkt.“ \z’kay Der Jazzpianist Bugge Wesseltoft und der Techno-Produzent Henrik Schwarz haben bereits zwei Kooperationen auf Platte verewigt. 2011 erschien „Duo“, drei Jahre später “Trialogue” mit dem Bassisten Dan Berglund. Jetzt also wieder zu Zweit, wobei die Arbeitsteilung zwischen Klavier, Sampler und Laptop hier mit Vocals (Kid Be Kid bzw. im Trio – Jennifer Kae, Jemma Endersby und Catharina Schorling), Trompete (Sebastian Studnitzky) und dem Streichquartett Solistenensemble Kaleidoskop erweitert wird. Diese Fusionen pendeln zwischenNeo-Klassik und Electronica, die aber imseltensten Fall in den Club führen – auch wennMarimba und Bass attraktiv in einen mal lupenreinen Techno-Track münden. Eine Besonderheit: „Duo II“ wurde in der Emmaus-Kirche in Berlin-Kreuzberg in ihremnatürlichen Hallraum aufgenommen. \ rm US-Schlagzeuger Makaya McCraven wird neben Größen wie Shabaka Hutchings, KamasiWashington oder Robert Glasper zu den jüngeren Erneuerern des Jazz gezählt. Ihnen gemeinsam ist, dass sie die Auseinandersetzungen unserer Zeit (Black Lives Matter) thematisieren und sich dabei einermusikalischen Sprache bedienen, die die Grenzen zwischen Jazz, HipHop, Elektronik und Folk verwischt. McCraven hat bereits mit einer Reihe von Veröffentlichungen auf sich aufmerksamgemacht, zuvorderst „Universal Beings“ (2018) und „We’re New Again“ (2020), einer Überarbeitung von Gil Scott-Herons Album „I‘m New Here“. Parallel dazu hat er sieben Jahre an „In These Times“ gearbeitet. Mit diesem Opus magnum gelingt ihm das Kunststück, seinen Sound gleichzeitig zu verdichten und ihm Leichtigkeit zu verleihen. Komplexe rhythmische Strukturen treffen auf erzählerische Melodiebögen und fließende Harmonien. Die elf Stücke entwickeln einen kontemplativen Sog, demman sich nur schwer entziehen kann. \ chr 20 Jahre Tapete Records. Das deutsche Label, was überhaupt nicht deutsch, sondern immer schon britisch infiziert klang, kann von Hamburg-Altona aus auf eine großartige Geschichte zurückblicken. In ihren ersten zehn Jahren waren sie das Label für deutschsprachigen Pop (oder zumindest Pop aus Deutschland): Bernd Begemann, Die höchste Eisenbahn, Wolke, Timo Blunck, Erdmöbel, Family 5, Niels Frevert, Peter Licht, Fehlfarben, Tele, Superpunk, Moritz Krämer und natürlich Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – deren SänNEUETONTRÄGER Diverse Intact & Smiling – The Weid & Wonderful World of Tapete Records Vol. 1 Tapete Records ohne Wertung Makaya McCraven In These Times XL Recordings/Beggars Group/ Indigo Bugge Wesseltoft/ Henrik Schwarz Duo II Jazzland/Edel Abel Selaocoe Where is Home (Hae Ke Kae) Warner Classics Snarky Puppy Empire Central GroundUp/The Orchard/Bertus SOHN Trust 4AD/Beggars Group/Indigo Brandi Carlile In The Canyon Haze (In These Silent Days – Deluxe Editon) Low Country Sound/ElektraWarner Various hallo 22 - DDR Funk & Soul 1971-81 Amiga/Sony Music Princess Chelsea Everything Is Going To Be Alright Lil’ Chief Records/Cargo Kraftklub Kargo Vertigo Berlin/Universal

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