Klenkes - August 2022

spezial made in aachen 30 August 2022 Nichts für die Schublade Die Absolvent:innen des Fachbereichs Gestaltung der FH stellen ihre Abschlussarbeiten bei der „Diploma“ aus. Von Svenja Stühmeier Gestalterisch zu arbeiten, bedeutet nicht nur, etwas VorhandenemForm und Farbe zu geben. „Gestalter generieren auch Inhalte“, sagt Prof. Lorenz Gaiser, Dekandes FachbereichsGestaltung der Fachhochschule (FH) Aachen. Was das konkret bedeutet, wird sichtbar bei der “Diploma”, eine Ausstellung der Abschlussarbeitender Produkt- undKommunikationsdesign-Studierenden. Carolin Büchel hat sich in ihrer Masterarbeit mit dem Thema Fitnesstraining auseinandergesetzt. Sie hat „Gymlet“ entwickelt – quasi ein faltbares Fitnessstudio, das in den Rucksack oder die Fahrradtasche passt. „Ich habe festgestellt, dass Menschen mittlerweile Fitnesstrainings absolvieren, um gesund zu sein, und nicht, umMuskelmasse zu optimieren“, erzählt dieGeräteturnerin. Auf diesen Lebensstil ist ihr Gerät ausgelegt. Zum einen ist es an jedemOrt einsetzbar. Zum anderen wird es auch von Seilen zusammengehalten, die kleine Schwingungen abgeben und damit die Stützund Strukturmuskeln trainieren. „Dadurch lösen sich Verspannungen, die zum Beispiel entstehen, wenn man viel am Schreibtisch arbeitet.“ Eine Vermarktungsstrategie liefert sie ebenfalls. Neben der gestalterischen Kompetenz wird den Studierenden schließlich auch vermittelt, wie sie ihre Produkte markttauglich konzipieren. „Ein Modell sollte viele Jahre lang funktionieren“, sagt Prof. Matthias Rexforth, dessen Lehrgebiet das Interior Design ist. AmBeispiel von Suzan IncemannCremers Stuhl macht er kurz deutlich, warum: Ein verkauftes Exemplar würde am Ende etwa fünf Euro auf ihrem Konto bedeuten. „Da kannst du dir ausrechnen, wie viele du verkaufen musst, um einen Grundstock zu schaffen“, sagt er zu der Bachelorabsolventin. WährendCarolin Büchels Fitnessgerät allein schon wegen seiner Optik ins Auge fällt, fügen sich Suzan IncemannCremers Eichenholzstühle perfekt in den abgedunkelten und indirekt beleuchteten Ausstellungsraum ein. „Aha, ein Stuhl“, könnte manmeinen, schließlich ist das Sitzmöbel an sich keine neue Erfindung. Gleichzeitig hat es was, das schlichte Design, und wer der Studentin zuhört, kann dieses diffuse Gefühl des Gefallens auch etwas präziser einordnen. Ihr Ziel: Ein Möbelstück erschaffen, das Sicherheit und Spiritualität ausstrahlt. „Das japanische Möbeldesign habe ich mir als philosophisches Vorbild genommen“, sagt sie. Holzstuhl ist eben nicht gleich Holzstuhl. Die Produkte in der Ausstellung haben viele Bearbeitungsschleifen durchlaufen. Einem etwa sechswöchigen Praxisprojekt, in dem die Konzeption entsteht, folgen zwölf Wochen der Umsetzung. „Was hier steht, kann in die Produktion gehen“, sagt Matthias Rexforth. Und auch wenn es nicht jede Abschlussarbeit auf den Markt schafft, so zeige sie potenziellen Arbeitgeber:innen, dass die Absolvent:innen in der Lage sind, in einem kurzen Zeitraum den Gesamtprozess von der Konzeption bis zur Produktion zu durchlaufen. „Die Studierenden sind fit. Sie erkennen den Bedarf und entwickeln ihre Ideen selbst“, sagt Lorenz Gaiser. Manche davon sind sehr speziell: Robert Franke etwa hat mit „Runica“ ein digitales Schriftsystem für Runen entwickelt, das mehr als 100 Zeichen umfasst und die kleinen Details einbezieht, die zum Beispiel eine regionale Einordnung der Rune zulassen. „In meinem Bachelorstudium habe ich mich mit rechtsextremen Symbolen auseinandergesetzt“, erzählt er. Dabei stieß er auf das germanische Schriftsystem, das für ideologische Zwecke der Nazis instrumentalisiert wurde. Eine Kieler Expertin hat ihn unterstützt, eventuell werden sie auch weiterhin zusammenarbeiten. Die Ausstellung deckt noch viele weitere Designbereiche ab. So stellen Studierende aus dem Bereich Video komplett selbst produzierte Filme vor. Im Bereich Fotografie sind Arbeitenmit einemFokus auf Dokumentation zu sehen, genauso auch abstrakte Visualisierungen und eine Arbeit, die die Erinnerungskultur thematisiert. Andere Studierende wiederumhaben CorporateDesigns erstellt, etwa für das Ludwig Forum. Undwieder andere habenKampagnendesigns erarbeitet, zumBeispiel das für das VielgutFestival, das Ende Juli am Tuchwerk stattfinden wird. \ Hanna Janssen, Emily Voth und Suzan Incemann-Cremer (v. l.) haben Möbelstücke designt und präsentieren diese in einem eigenen Ausstellungsraum. Auch Ayleen Geilhausens prototypische Restaurantmöbel (Sessel in der Mitte) sind dort zu sehen. Fotos: Svenja Stühmeier Carolin Büchel demonstriert eine Übung an ihrem mobilen Fitnessgerät „Gymlet“. Hat seine Nische gefunden: Robert Franke hat eine digitale Typografie für Runen entwickelt. Wer Forschung in diesem Bereich betreibt und wissenschaftliche Arbeiten schreibt, muss sich bisher mit eher rudimentär ausgearbeiteten Schriftzeichen begnügen, so der Masterabsolvent. Die Werkschau des Fachbereichs Gestaltung gibt es schon seit einigen Jahren. Gut 50 Studierende haben 2022 ihre Abschlussarbeiten präsentiert. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist es die erste Diploma, die stattfinden konnte. Die Abschlussprojekte können bald auch digital unter www. diploma-ac.de eingesehen werden. DIE DIPLOMA

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