Klenkes - August 2022

literatur buchbesprechung Fliehkräfte der Geschichte Der neue Roman „Demut“ des polnischen Autors Szczepan Twradoch. Den polnischen Autor Szczepan Twardoch verfolgen geradezu obsessiv die Geschehnisse im Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein in Deutschland 2014 zuerst erschienener Roman „Morphin“ spielte im Warschau des Jahres 1939. Auch „Der Boxer“ (2018) sowie „Das schwarze Königreich“ (2020) spielen zur gleichen Zeit und am gleichen Ort wie „Morphin“. Twardochs Setting sind die gesellschaftlichenUmbrüche vor, während und nach denKriegswirren des ErstenWeltkriegs. Seine Romanfiguren sind verlorene Geschöpfe, hadern mit sich selbst und stehen ohnmächtig und wenig überzeugt den politischenGesinnungen der damaligenZeitepoche gegenüber. Auch Twardochs neuester Roman „Demut“ spielt in diesen historischen Zeitläufen. Von einer Kindheit und Jugend des ProtagonistenAlois Pakora in Polen ausgehend, ist es diesmal der Schauplatz Berlin, dem der Autor viel historisches, stadtgeografisches und atmosphärisches Beiwerk mitgibt. Alles, was Pakora in Berlin widerfährt – Gewalt, Politik, Sex, Armut und Hunger –, mündet in einen innerenMonolog des durch dieGeschehnisse stolpernden Mannes, der sich an Agnes richtet, seine große Liebe. Agnes ist eine kaltherzige, manipulative Frau, die er als zwölfjähriger Schüler und Gast im Hause des Vaters der damals Neunzehnjährigen in Gleiwitz kennenlernt und der er von Beginn an verfällt. Diese hörige Unterwerfung unter eine sadistische Frau wird sein weiteres Leben bestimmen und ihn nicht ungeschoren davonkommen lassen. Alois Pakora entstammt einer schlesischen Bergmannsfamilie. Als einziges von 12 Kindern schafft er es auf ein Gymnasium, lernt dort Deutsch, wird als Proletarierkind von den Mitschülern gehänselt. Durch diese Diskriminierung erwächst in ihm das Gefühl, ein Niemand zu sein. Er studiert Philosophie an der Hochschule, bricht ab und kämpft schließlich im ErstenWeltkrieg als preußischer Offizier an der Front in Flandern. Nach einer Verwundung wacht er aus einem Koma im Krankenhaus Bethanien in Berlin auf. Mittellos verkauft er selbstgedrehte Zigarren auf der Straße. Der Kaiser hat abgedankt, der Erste Weltkrieg ist für Deutschland verloren. Der erschöpfte und verzweifelte Pakora wird von der Straße aufgelesen und landet in einemschwul/queeren-Untergrundzirkel. Hier schließt er sich einer der vielen durch Berlin ziehenden roten Sturmtruppen an, wechselt – um einer Hinrichtung zu entkommen –, wiederum die Seiten: Doch auch bei den Freikorps bleibt er teilnahmslos und ohne echte Überzeugung. Zu Twardochs unterschwelligen Anliegen imRoman gehört sicherlich, die Bedeutung der Klassenherkunft herauszustellen (seine eigene ist mit der Pakoras eng verknüpft). Und auch der von Faschisten instrumentalisierte entwurzelte Mann im soldatischen Körper (wohl nicht umsonst heißt eine Figur im Roman ,Theweleit‘) setzt gewollte stilistische Ausrufezeichen. In seiner Heimat Polen ist Szczepan Twardoch ein mehr als erfolgreicher Schriftsteller. Seine Romane verkaufen sich hunderttausendfach. In Deutschland mehrt er mittlerweile durch seine imSchnitt alle zwei Jahre getaktetenRomane verdientermaßen seinen Bekanntheitsgrad. \ rm Buchautor Szczepan Twardoch. Foto: Zuza Krajewska Szczepan Twardoch „Demut“ Rowohlt Berlin 464 Seiten, 25 Euro Der 82-jährige Jean-Marie Gustave Le Clézio legt zwei Erzählungen mit Erinnerungen an seine Kinder- und Jugendzeit vor. Seine allerfrühestenKriegserinnerungen in „Das Kind und der Krieg“ erzählen vom Schrecken seiner Kindheit im besetzten Süden Frankreichs, wo sich die Familie in einemkleinenGebirgsort imHinterland vonNizza verstecken musste. In „Bretonisches Lied“ erzählt Le Clézio in episodenhafter Form von den regelmäßigen Sommeraufenthalten der Familie in der Bretagne Ende der 40er bis Mitte der 50er Jahre. Der Autor beschreibt diesen Sehnsuchtsort liebevoll und sinnlich aber ohne falscheNostalgie; er erzählt vomAlltag des Dorflebens, von den Traditionen, aber auch von Wandel und Veränderungen. Der Nobelpreisträger hat ein sehr persönlichesWerk vorgelegt, das durch die poetische Sprache und emotionale Offenheit besticht. LESETIPP „Bretonisches Lied“ von J.M.G. Le Clézio J.M.G. Le Clézio „Bretonisches Lied“ Kiepenheuer & Witsch 192 Seiten, 22 Euro Jon McGregor „Stürzen, Liegen, Stehen“ Liebeskind 318 Seiten, 22 Euro Julia von Lucadou „Tick Tack“ Hanser Berlin 256 Seiten, 23 Euro Fanny André „Zwei am Meer“ DuMont Buchverlag 272 Seiten, 22 Euro

RkJQdWJsaXNoZXIy MTk4MTUx