Klenkes - August 2022

musik 16 August 2022 Eigentlich firmiert dieses Debüt vonWill Turner undGeorgie Fuller aus demenglischen Brighton als EP. Aber bei sechs enthaltenen Tracks wollen wir da mal nicht so sein, zumal im Streaming-Zeitalter dieWertigkeit alter Single- undAlbum-Formate irgendwie obsolet geworden scheint. Dem Sound der beiden könnte man frecherweise ein ähnliches Schicksal attestieren, wuscheliger FolkBlues-Pop auf den Pfaden von Fleetwood Mac, The Hollies oder Delaney & Bonnie, mit geschmeidiger Retro-Produktion, zweistimmigem, weiblich-männlichemGesang und genau der richtigen Dosis an altmodischer Unbeschwertheit, die uns durch dieses düstere Jahr tragen könnte. CrunchigeGitarren, klare Gesangslinien und jede Menge hippieske Melodien, die zwar eigentlich auch aus der Vinyl-Kollektion der Eltern (oder wahlweise Großeltern) stammen könnten, aber es zwischen schwirrender Orgel, Peter-Green-mäßigen Gitarrensoli und einlullendemGroove schaffen, eine gewissemoderne Fokussiertheit zu verströmen, die quasi das Beste aus den 60ern und 70ern in eine zeitgemäße Dosis komprimiert. \ kt Superorganism sind derzeit der vielleicht durchgeknallteste Haufen in der Popmusik. Das Kollektiv aus London ist mindestens so experimentell wie die Flaming Lips, sprengt aber noch viel konsequenter als die Paten aus den USA jegliche Genre-Grenzen und verarbeitet Einflüsse aus allen Ecken der Musik zu einemganz eigenen Post-EverythingSound. Das ist einerseits wegen der vielen Geräuscheinsprengsel und verfremdeten Stimmen ganz schön freaky, anderseits erstaunlich hörbar. Die Beats bleiben tanzbar, die Melodien nehmen den Hörer an den Haken, jeder Refrain lässt sich schon beim ersten Mal quasi automatisch mitsingen. Das einzige wirkliche Problemdieses zweitenWerks der Band ist, dass es ein wenig zur guten Laune zwingt. Denn wer nicht bereit oder in Stimmung ist, sich von den 13 knackig-kurzen Pop-Perlen anstecken zu lassen, dem wird „World Wide Pop“ ziemlich schnell auf die Nerven gehen. Für alle anderen könnte es aber durchaus das Zeug zum besten Album des Sommers haben.\ chr Der Gitarrist André B. Silva (The Rite of Trio) veröffentlicht sein zweites Soloalbum im Kammerjazz-Modus, darunter lange Passagen komplex komponierter Musik. Exquisit öffnet sie sich für Improvisationen von Jose Soares am Saxophon, Raquel Reis amCello, Sophie Bernado am Fagott, Paulo Bernardino an der Bassklarinette, Andre Carvalho am Kontrabass und Ricardo Coelho an Drums & Vibes. André B. Silva dreht verschiedene Musikgenres und -stile durch eine eklektizistische Matrix, die sich allen Musikautoritäten widersetzt. Unvorhersehbarkeit ist hier Zielgebiet und wird geliefert durch Hingabe zur Melodie, zu Kontrapunkten und einem unbequemen Liebesverhältnis zu zeitgenössischerMusik. Flankiert durch einen ungehobelten „Hard-Bop“ setzt Silva seine Expedition zum Planeten der fremdartigen Harmonie höchst hörenswert fort. \ z´kay Anoushka Shankar, versierte Sitar-Spielerin und Tochter des berühmten Ravi Shankar, verfolgt stets mit großer Neugierde neue künstlerische Kooperationen. Die britisch-indische Musikerin nennt ihre zuletzt prägende Begegnung denHang-SpielerManuDelago. Sie lernten sich 2008 kennen. 2016 kam es in Los Angeles zu einer Begegnung mit Jules Buckley, Leiter des Metropol Orkest und 2018 war es dann für alle Drei soweit. Eine kurze Livetournee führte auch nach Amsterdam, wo diese grandiosen Konzertaufnahmen entstanden. „Between Us...“ kann fast als Anoushkas Albumgelten, da das Songmaterial auf vier ihrer Alben zurückgeht. „Between Us...“ ist auch eine Visitenkarte für ein begeistertes Publikum, die diese traumwandlerisch sichdie Bälle zuwerfendenKünstler*innen hier in knapp 45Minutenmit tosendem Applaus entlohnt. „Between Us...“ erscheint als LP/CD am 17.9. \ rm Zum 25-jährigen Bandjubiläum melden sich Interpol mit einem ziemlichen Brocken von Album zurück. Nicht, weil es etwa mit Leuten wie Flood und Alan Moulder an den Reglern brachial düstere Soundwände durch die Gegend schiebt. Sondern im Gegenteil. Weil sich hier alles einem einheitlichen Groove und Überwältigungsound verweigert. Jedes der Instrumente scheint hier seinen eigenen Song zu spielen, Polyhymnie könnteman das Phänomen nennen, auch räumlich im Sound deutlich voneinander getrennt. Da schraubt sich die Gitarre brüchig die Klüfte des Sägewerks hinauf, das Schlagzeug rumpelt Vertracktes, es knarzt und rumpelt, dazwischen die Stimme von Paul Banks, dann bildet sich ein bowiesker Chor, die Songs faden ins Nichts. Opener „Toni“ liefert die Blaupause, größtes Hitpotential hat „RenegadeHearts“, wo dann tatsächlich mal eine mitreißende Dichte erreicht wird. Auch „GranHotel“ mit seinem gruftigen Groove dürfte seinen Platz auf den Playlists der Indie-Disco-DJs finden, und erinnert am ehesten an die Interpol der letzten Alben. \ kk Die Kunst von Folk- &Country-Musikerinnen – zumal in den USA - thematisiert bisweilen denRückzug aus denMetropolen raus ins Ländliche – bei Joan Shelley sind‘s die midwestern plains. Sie heiratete ihren Gitarristen Nathan Salsburg, bekam ein Kind und schuf anscheinend ideale emotionale Voraussetzungen für dieses intime Album namens „The Spur“. Dieser Sporn mag als Titel für ihr neues Leben herhalten: „...raising goats, chickens, listening to birds, watching the river, growning a child“, schreibt sie in den Liner notes. Dieses Umfeld und Shelleys Liebe zu Nick Drake mag für ihre vielschichtige Musik (Brass-Arrangements, field recordings, Violine, Cello, Dobro,Mandoline etc.) herhalten. Die Stärke des Albums ist aber auch imTeambegründet: Produziert wurde das Album von Multi-Instrumentalist James Elkington, der bereits mit Richard Thompson und Jeff Tweedy (Wilco) arbeitete. Tweedy-Sohn Spencer sitzt am Schlagzeug, der großartige Bill Callahan (Bonnie „Prince“ Billy) leiht seine Stimme und ein halbes Dutzend weiterer Musiker gruppieren sich zu einem kleinen Orchester zusammen. Ein „laid back“-Album erster Kajüte. \ rm Ein tolles Album, um alle rätseln zu lassen, aus welchem Jahr das wohl ist. So zeitlos kommt der Pyrolator daher, dazu die Reaktivierung von 80er-Synthie-Sounds im Pop der Gegenwart, die Verwirrung ist perfekt. Nehmenwirmal „Ein Perfekter Abend“: Auf zwei Akkorden summen sich dieModule in den Feierabend, Glühwürmchen schwirren, plötzliche Intenstität einer Gewitterwolke, die sich aber fernab entlädt.War das jetzt ein M83 Track in der Bearbeitung von Martin Gretschmann? Oder „Die Pause“. Hat jemand von Boards Of Canada eine alte Kraftwerk-Skizze neu berarbeitet? Es ist auf jeden Fall eine freundlicheWelt, in der fröhliche Soundwellen sich modulierend in immer neuen Tänzen finden. Nur bei „Honeywood“ und „Der Raum“ knurpselt es mal kurz harsch im Unterholz. Aber insgesamt lässt es sich herrlich ambient treiben hier, in der Struktur ist das aber immer noch Pop. So bietet der Pyrolator über 40 Jahre nach seinemDebut-Soloalbum zeitlose Elektronik-Kunst und den perfekten Soundtrack für einen nie enden wollenden Sommerabend. \ kk Das 12. Album der US-amerikanischen Singer-Songwriterin stellt eine Zäsur dar. Es ist ein klassisches Trennungsalbum – nicht nur von ihrem Mann und dem Vater der zwei gemeinsamen Söhne, sondern gleichzeitig von ihrem Produzenten Tucker Martine, der in seiner Arbeit als Produzent mit The Decemberists oder My Morning Jacket auch dem gemeinsamen Leben als Paar quasi davoneilte. Kein leichter Stand für die 48-jährige abermit „Found Light“ erfindet sie sich neu. Zum erstenMal nimmt sie ihr Gitarrenspiel und ihre Stimme in einem Take auf. Das schafft eine Eindringlichkeit, die der in Portland lebendenAmericana-Künstlerin gut steht und bereits imOpener „Autumn Song“ eine hypnotische Atmosphäre schafft, wenn ihr Gesang quasi im Sekundentakt von Kate Stables (This Is The Kit) gespenstisch gedoppelt wird. Auch der Einbezug eines Jazzsaxophons, Posaunen, Geige, Klavier oder Banjo macht die Musik des mit 14 Songs prall gefüllten Albums rund, lässt trotzdem viel Luft für ihre Stimme, der man auch die emotionale Neuausrichtung anhören mag. \ rm Kokoroko bedeutet übersetzt „Sei stark“. Die achtköpfige Jazz/Afrobeat-Band Kokorokoaus London ist stark, hat ein paritätisch ausgewogenes Geschlechterverhältnis undmit SheilaMaurice-Grey als Trompeterin und Songschreiberin eine erfahrene Bandleaderin. Sie war Schülerin von Gary Crosby, einem britischen Modern-Jazz-Bassisten. Schüler der Talentschmiede waren auch zuvor Moses Boyd, Zara McFarlane sowie Shabaka Hutchings. Maurice-Grey war ein Mitglied von „Female Collection“, einer damaligen losen Formation von Londoner Jazzfrauen, aus denen später die Gruppe Nèrija entstand. Die Inspiration von Kokoroko liegt in der Musik Ghanas und Sierra Leones – demwestafrikanischen Highlife sowie dem nigerianischen Afrobeat. Mit zwangsläufigen Vorbildern wie Tony Allen oder Fela Kuti. „Could We Be More“ ist Kokorokos Debütalbum. 60Millionen Spotify-Streams diverser Vorab-Singles, eine Reihe Awards sowie die Veröffentlichung auf dem Londoner Label Brownswood des Trendjazz-Gurus Gilles Peterson machten das Oktett bereits 2019 zum „one‘s to watch“ (The Guerdian) und lösten alle Vorschlusslorbeeren ein. \rm The Heavy Heavy Life And Life Only ATO/Pias/Rough Trade Superorganism World Wide Pop Domino/GoodToGo André B. Silva Mt. Meru Cleanfeed Anoushka Shankar & Metropole Orkest Between Us… Leiter Rec./BMG/Warner Interpol The Other Side Of Make-Believe Matador Records/Beggars Group/Indigo Joan Shelley The Spur Cargo Pyrolator Niemandsland Bureau B/Indigo Laura Veirs Found Light Bella Union/PIAS Kokoroko Could We Be More Brownswood Rec.

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