Klenkes - Juni 2022

musik 14 Juni 2022 Damals, als er seine ersten musikalischen Gehversuche gemacht hat, war Low Fidelity angesagt, das Gegenstück zur glattgeputzten High Fidelity. Alles wurde möglichst simpel produziert, am besten mit dem Kassettenrekorder, sollte bewusst nicht perfekt klingen. Für „(Watch My Moves)“, sein achtes Album, ist Vile im Prinzip ins Wohnzimmer zurückgekehrt, auch wenn das Heimstudio inzwischen vollgepackt ist mit teuerster Technik. Seine Kunst: Er verbindet Lo-Fi-Ästhetik mit zeitlos klassischemSongwriting im Stil von TomPetty oder Bruce Springsteen. Letzteren covert Vile nicht von ungefähr mit „Wages Of Sin“. Die 15 eher getragenen Stücke mit insgesamt knapp 70Minuten Spielzeit fügen sich zu einer Tagträumerei zusammen, in dieman sich wunderbar hineinversenken kann. \ chr Sanft beginnt dieses Album und steigert sich mit jedem Song in Intensität und Dynamik. Und so ist es auch geplant, als richtiges Album, welches der geneigte Hörer von A bis Z durchhören sollte, keine reineAnsammlung von Songs. Sharon Van Etten leidet wieder in allen Facetten, ein Album über Scheitern, Neuanfänge, Trauer und Hoffnung. Der Folk ist größtenteils einem ziemlich breitwandigen Pop gewichen, am mächtigsten vielleicht auf „Born“, der sich pathetisch die eiszerklüfteten Steilwände eines mächtigenBerges emporschwingt, durchaus als nächsten Bond-Song vorstellbar. Nur „Mistakes“ erreicht eindurchgehend treibendes Tanztempo, erinnert dabei an ModestMouse, ansonstenbleibt hier alles in getragenemBalladenundPower-Balladen-Tempo. Genug Platz, dass sich Sharon Van Ettens klarer Klagegesang eindrucksvoll entfalten kann. \ kk Die etwas andere Sommerplatte, diemehr verspricht als das diffusmediokere Bacardi-Feeling. Der inPanama geboreneDaniel Villarreal verbrachte die ersten 10 Jahre in den USA als Sozialarbeiter und zog zwei Töchter groß. AlsDJ und Schlagzeuger ist er inder Chicagoer Latin/Jazz- und - früher - der dortigen Punkszene aktiv. Die mit Latingrooves angetriebenen 12 Songs von „Panamá 77“ entstanden in vielen Sessions – zum Teil auch - malerisch auf dem Cover anzuschauen - outdoor aufgenommen. Unterstützt wird er von einer Reihe Kollaborateure aus dem Umfelddes International Anthem-Label, wie Gitarrist Jeff Parker, Aquiles Navarro von Irreversible Entanglements oderMarta SofiaHorner, die die Streicherarrangements schrieb. Sein Label nennt Daniel Villarreals lässig improvisiertes Album treffend „a vibrant suite of jazz-lacedpsychedelic instrumental folk-funk“. \ rm Endlich wieder ein musikalisches Statement von Bonnie Raitt. Und dann noch gleich eines mit ganz dickem Ausrufezeichen. Sechs Jahre nach „Dig InDeep“ zeigt die mittlerweile 72-jährige Kalifornierin mit „Just Like That“, dass sie fit wie eh und je ist. Als Sängerin, als Gitarristin und – das ist dann doch etwas Besonderes – auch als Komponistin. Normalerweise greift Raitt eher auf Ideen befreundeter Songwriter zurück, auf dem aktuellen Album steuert sie allerdings gleich vier Songs selbst bei, die sie mit ihrem langjährigen musikalischen Wegbegleiter George Marinelli gemeinsam geschrieben hat – und beweist auch dabei wahre Meisterschaft. Das ist Rhythm&Blues in seiner feinsten Ausprägung, wie immer gestochen scharf produziert, ein perfektes Klanggemälde mit wunderschönem Gesang, eindrücklichen Lyrics und bester Gitarrenarbeit der Slide-Virtuosin. Das lange Warten hat sich also gelohnt. \ alp Wie lange ist das her? DieWiener Downbeat-Szene um Kruder & Dorfmeister, Tosca et al. und ihre gefeierte Musik in den Chill Out-Lounges von Ibiza, Paris und New York? Das Wiener Plattenlabel DopeNoir Records desMusikers, ProduzentenundWeggefährtenKlausWaldeck feiert jedenfalls aktuell sein20-jähriges Jubiläum. Waldeck hat in direkt mehreren FormationenwieWaldeck, demWaldeck Sextet, Soul Goodman oder Saint Privat diesen speziellen, leicht melancholischen Wiener-Sound aus Electro, SwingJazz, Balkan und Kaffeehausmusik früh zu seinem Trademark gemacht. Das begeistert heute zwar nichtmehr unbedingt die „jungen Römer“ (Falco), aber als atmosphärische Soundtapete für gediegene Cocktailparties unddergleichenmacht dieseWienerMelange immer noch Sinn. Zum Jubiläum gibt‘s jetzt eine fünfteilige Serie auf Vinyl, eine Doppel-CD sowie eine 5fache Luxus-Vinyl-Boxmit größtenteils neuemMaterial. \ rm Endlich mal wieder eine gute und klauenswerte Pressetext-Zeile: „Hate Über Alles“ ist zu gleichen Teilen heiliges High-Energy-Geballer direkt aus dem Herzen der Bestie, wie präzise auf den Punkt getextete Zeitgeistdiagnostik.“ Die deutsche Thrash-Metal-Legende rundum Mille Petrozza wettert nicht nur seit jeher gegen religiösen Fanatismus, Homophobie oder die Macht totalitärer Ideologien (alles traurigerweise gerade noch immer sehr aktuell), sondern shoutet nun auch gegen den Hass: „Hate is the virus of this world“, heißt es im Titelsong „Hate Über Alles“ – nebenbei ein kleiner Fußnoten-Gruß an die unangepassten Rentner von Dead Kennedys. Klar, wer einfach nur gepflegt die frisch mit Conditioner polierte Haarpracht im Rhythmus schütteln möchte, kommt womöglich auch bloß mit dem Staccato-Schlagzeug, den wirbelwindartigen Gitarrensoli und Petrozzas gutturalem Gesang in zufrieden-aufgebrachte Stimmung. Schön ist aber trotzdem, dass Kreator als „Teil des Dreigestirns des deutschen TrashMetal“ (Behauptung vonWikipedia) nicht nur zuverlässig sumpfig-flinken Pommesgabel-Sound serviert, sondern auch gesellschaftskritisch am Diskurs teilnimmt. \ kt „Tears Are Our Medicine“ heißt der Song, der im Herzen des neuen, dritten Albums der afro-kubanisch französischen Zwillinge Lisa-Kaindé undNaomi Díaz steht, die unter dem Namen Ibeyi publizieren. Es geht um nicht weniger als spirituelle Heilung, Harmonie und, ja, auchMagie – alles dringend nötig in einer Welt, die völlig aus den Fugen zu sein scheint. Ibeyi setzen dabei Bezüge zur nigerianischen Yoruba-Kultur, die mit Sklaven in die Karibik kam und zu den eigenenWurzeln der Zwillinge gehört. Aber auch das antike ägyptische Totenbuchwar eine Inspiration, sowohl für denAlbumtitel als auch für den Song „Made Of Gold“. Die vielfältigen kulturellen Bezüge, die auch in vielsprachigen TextenAusdruckfinden, kleiden Ibeyi musikalisch in ein entspanntes Pop-Gewand mit abwechslungsreichen Grooves. Dazu trägt vor allem auch die Zusammenarbeit mit XL-Labelchef Richard Russell und dessen weitläufigem Netzwerk an befreundeten Musikern bei. Das Ergebnis istMusik zur Zeit im besten Sinne. \ chr Mit schönen 90s Late Nite Vibes schleicht sich dieses Album der norwegischen Soulsängerin an und sorgt vom Start für heimelige Retro-Gefühle. Als hätte PrinceDestiny‘s Child ca. 1999 produziert, so geht es auch weiter, darüber die angenehmwarme Stimme von Beady Belle, die ihr Können nicht durch übergroße Virtuosität sondern schön dezente Modulationen zur Schau stellt. So ist es für sie von Beyoncé zuAdele nur eine winzige Umdrehung. Schön dann das nordisch jazzige Ambient der wahnsinnig intimenMini-Ballade „Buoy“, geflüsterte Geständnisse unter der Bettdecke. ImgepflegtenDowntempo-Bereich hat Beady Belle ihre Stärken, einer der wenigen Ausreißer ist die überlebensgroße Geste mit Frauenchor und Elektro-Jazz-Big Band bei „Sinking Ship“, und der 80s Handclap Pop-Ausflug in „Playing With Fire“. \ kk Das Münchner Quintett ist zwar klassisch im Jazz geschult aber was Ark Noir daraus für ihren Gruppensound folgern, steht auf einem gänzlich anderen Blatt. Bereits beimDebüt schrieb die Kritik: „...sie gestalten Klanglandschaften aus ambienten Flächen, kurz aufflackernden elektronischen Motiven und befinden sich nach ein paar Minuten auf einem dystopischen Dancefloor.“ (Musikexpress). So klingt das neue Albumwie ein Soundmix aus einemComputerspiel und Space Jazz. Letzteres, dem von dem Mahavishnu Orchestra bis zu Flying Lotus direkt mehrere Generationen von visionären Freigeistern Pate standen, als wiederum eine gelungene Produktion, die alle Bandmitglieder gleichermaßen amProduktionsprozess teilhaben lässt. Turn On, Tune In, Drop Out. \ rm Zu BandleaderMoritz Sembritzkis großen Vorbildern zählen Duke Ellington undGil Evans, doch klingt sein 17köpfigesMusik-Ensemble doch deutlich anders. Ist das Orchester ein Sammelbecken für Neue Klassische Musik, für Jazz, New Orleans Swing oder ist das auch Pop (um die Ecke gedacht) bzw. erinnert an The Notwist? Zwei Sängerinnen decken stimmlich die Pole ab: Jazzsängerin Fini Bearman aus London und die Berliner Opernsängerin Aylin Winzenburg im Mezzosopran. 10 Bläser geben den bisweilen nötigen Wumms, ein Klavier (üblicherweise) wird hier durch Synthesizer/Electronics ersetzt. Demnächst in der (Elb) Philharmonie und vielleicht auch in Donaueschingen. \ rm Sharon Van Etten We‘ve Been Going About This All Wrong Jagjaguwar/Cargo Daniel Villarreal Panam6 77 International Anthem Bonnie Raitt Just Like That ADA/Warner Waldeck pres. 20<ears Dope Noir Dope Noir/Broken Silence Kreator Hate Über Alles Nuclear Blast/Rough Trade VÖ: 10.6. Ibeyi Spell 31 XL Recordings/Beggars Group Beady Belle Nothing But The Truth Jazzland Recordings Ark Noir See <ou On The Other Side enja/yellowbird/Edel Magnetic Ghost Orchestra Magnetic Ghost Orchestra Fun In The Church/H‘Art

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