Klenkes - Mai 2022

Im Dezember 1900 verschwanden auf der Hebrideninsel Eilean Mor unter mysteriösenUmständen dreiWärter von einem abgelegenen Leuchtturm. Diese wahre Geschichte inspirierte Emma Stonex zu ihrem Roman „Die Leuchtturmwärter“ und erzählt, was passiert sein könnte, wennMenschen ohne Spur und Nachricht verschwinden undwie dieHinterbliebenen damit umgehen. 1972 verschwanden die Wärter Arthur Black, Bill Walker und Vincent Bourne vomMaiden RockLeuchtturmvor der Küste Cornwall, 28Kilometer südwestlich von Land’s End entfernt. Eine Besatzung mit der Ablösung für Bill Walker, die wegen der Wetterlage um eine Woche verschobenwerdenmusste, findet einen Tag vor Silvester den Leuchtturm– von innen verriegelt leer und offensichtlich in Eile verlassen vor. Eine Untersuchung führt zu keinen Erkenntnissen und kommt zu keinemAbschluss. Seitdembeschäftigen viele Geschichten die Menschen und lassen die drei Ehefrauen auch 20 Jahre nach der Katastrophe immer noch auf die Rückkehr ihrer Männer hoffen. In Rückblenden beschreibt Emma Stonex das Leben und die Arbeit auf engstem Raum im Leuchtturm und das private Leben der Leuchtturmwärter. Spannend zu lesen ist das mit großem psychologischem Gespür erzählte Schicksal der beteiligten Personen. Jeder und jede hat Schuld auf sich geladen. Die Komplexität dieser Schuld führt die Autorin zu einer möglichen Erklärung für das Verschwinden der Männer. \ LESETIPP „Die Leuchtturmwärter“ – besprochen von Wilma Franzen Vater Hüseyin hat nach einem harten Arbeitsleben im fiktiven Ort Rheinstadt in Süddeutschland endlich das Frührentenalter erreicht. Für sich, seine Frau und die vier Kinder hat er jeden Cent beiseite gelegt und eine Eigentumswohnung in Istanbul gekauft. Aber wollen seine Kinder überhaupt in die alte Heimat zurück? Jetzt steht er in der leerenWohnung, ein Teil der neuenMöbel ist geliefert – doch dannwird ihmdieser Altersruhesitz zum Verhängnis. Fatma Aydemir wurde 1986 in Karlsruhe geboren und arbeitet als Kolumnistin und Redakteurin bei der taz in Berlin. In ihrem ersten, mit mehreren Preisen ausgezeichnetenRoman „Ellbogen“ (2017) schilderte sie die Ausweglosigkeit einer jungen Deutschtürkin zwischen unterdrückendem türkischen Patriarchat, dessen überholten Rollenbildern sowie deutscher Gleichgültigkeit und Scheinheiligkeit. „Dschinns“ konzentriert sich auf die tektonischen Verschiebungen innerhalb einer Familie, die elternseits ihre kurdische Herkunft negiert und dennoch den Kindern – zwei Jungen, zwei Mädchen – traditionelle Rollenbilder überzustülpen versucht. Diese Rollenbilder, die Perspektiven und Gedankenwelt der Figuren bedienen einerseits einige Klischees, die Dialoge sind andererseits, aber sehr ambivalent und erfrischend unkonstruiert. Und auch den wachsenden Rassismus in der deutschen Gesellschaft der 90er Jahre, in denen der Roman spielt, verschweigt Aydemir keineswegs – Stichwort:Mölln, Hoyerswerda, Solingen, Rostock ... Den größten Entwicklungssprung macht die älteste, von der Mutter abgelehnte Tochter Sevda, die ohne Bildungschancen, halbherzig und verspätet in die Familie nach Deutschland nachgeholt wird. Sie schafft es, mit zwei kleinen Kindern aus einer arrangierten Ehe auszubrechen und sich eine eigene Existenz mit einem italienischen Restaurant aufzubauen. Auch ihre Schwester Peri, zur eher linkenAktivistin gewandelt, studiert in Frankfurt und geht keinen Konflikten mit ihrer depressiv herrischen Mutter aus demWeg, während der ausgebrannte Vater sichmehr undmehr abkapselt und die von ihm erwartete Rolle als Familienoberhaupt nur unzureichend zu verkörpern vermag. InRückblicken erzählt Fatma Aydemir diese Geschichtemit großer Stimmenvielfalt. Nach dem Tod des Vaters trifft sich die Familie zur Beerdigung. Aber selbst an diesemwichtigenTag schaffen es nicht alle rechtzeitig ans Grab. Und auch die neue, eigentlich für ein gemeinsames Leben gedachte Wohnung des Vaters wird nicht zu einem neuen Familienort, sondern bringt schließlich noch verdrängte Geheimnisse ans Licht. \ rm Fatma Aydemir „Dschinns“ Hanser Verlag 368 Seiten 24 Euro Unausgesprochene Wahrheiten gibt es einige im Roman von Fatma Aydemir. Foto: Fendt Paul Beatty „Tuff“ btb (Paperback) 448 Seiten, 12,00 Euro Bibliografie: Sonia Mikich „Aufs Ganze“ Verlag Kiepenheuer & Witsch 304 Seiten, 22,00 Euro Stine Pilgaard „Meter pro Sekunde“ Kanon Verlag Berlin 255 Seiten, 23,00 Euro Miranda Cowley Heller „Der Papierpalast“ Ullstein Hardcover 448 Seiten, 23,99 Euro Emma Stonex „Die Leuchtturmwärter“ S. Fischer 427 Seiten 22 Euro roman Familiengeister Fatma Aydemirs Roman „Dschinns“ erzählt anhand von sechs Schicksalen das Scheitern einer türkischstämmigen Familie in Deutschland.

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