Klenkes - Mai 2022

25 Ihr Sohn Antony Penrose hat die Fotografien seiner Mutter erst nach ihrem Tod auf dem Dachboden entdeckt und nachundnach als Archiv aufgearbeitet. So blieb erhalten, was sie für ein ungezähmtesDasein geführt hat, das ein vonDepressionen gezeichnetes Ende auf einer Farm in Amerika gefunden hat, wo sie im goldenen Käfig abseits der Gesellschaft, in der sie gelebt hat, dahindämmerte, ohne je die Rollen zu spielen, die Männer dieser Generation ihr zudachten. Ein Film arbeitet ihre Lebensgeschichte auf unddie Fotografien lassen ahnen, wie die Erfahrungenund Bilder, die sie gesehen hat, ein übriges getan haben, unverdaut und unbewältigbar aufs Gemüt zu drücken, etwa die Leichenberge in Dachau, die sie als erste nach der Befreiung fotografierte. Krieg wirkt zerstörerisch fort. LeeMillers Vater hat sie als Hobbyfotograf in die Technik eingeführt, aber auch als Aktmodell fotografiert. So mag sie früh ihren Körper in posender Distanz eingesetzt haben. ImBestreben, der Kleinstadt zu entfliehen, ging sie nach New York undwurde dort durch ZufallModel, weil sie vom Chef der Modezeitschrift Vogue angefahrenwurde, der so auf sie aufmerksamwurde. Ihr Ziel, Fotografin zu werden, verfolgte sie weiter und ließ sich von berühmten Fotografenwie Edward Steichen, mit denen sie arbeitete, auf den Amerikaner in ParisManRay verweisen, bei dem sie lernen sollte. Sie verstand es, sich demIndividualisten als Assistentin anzudienen undwurde dessen Geliebte. Die Pseudosolarisationen mit denen er unter anderem als surrealistischer Fotograf bekannt wurde, sindwohl ihre Erfindung aus einemDunkelkammermissgeschick heraus. Den surrealistischen Blick auf die Bizarrerien des Lebens behielt sie auch in ihren Kriegsfotografien bei, die Schilderwälder in Ruinen oder seltsame Gegensatzpaare im Kriegsgeschehen ins Visier nehmen. Als eine von vier Kriegsberichterstatterinnen ließ sie sich 1942 45 anwerben, nachdem sie nach einer mehrjährigen Ehe mit einemKairoer Geschäftsmann in dieGruppe der Pariser Surrealisten zurückgekehrt war, wo sie ihren späteren Ehemann Roland Penrose kennengelernt hatte. Welche BildermachenKrieg und seine Gräuel sichtbar?Was erwartetman vonKriegsberichten? Fakten, Aktion, dezente Grausamkeiten, Ruinen, Explosionsqualm, schreiende Menschen, Wunden, Tränen? Präzisionsschläge in grünem Licht wie Videospiele, Luftaufnahmen von Napalmexplosionen, Unicef Hilfslieferungen? Folterexzesse,Massengräber, fahrbare Krematorien, Feindbildpropaganda, Berichte von hinter der Front? Bilder bestimmen, was Soldaten und Bevölkerung für Kenntnisse vomKriegsgeschehen bekommen sollen. Die heutigenMedienkriege sind von privatenHandybildern und gezielten Bildkontrollen überformt. Aufstacheln mit Fake und Propaganda, sachlicheDarstellung vonVölkerrechtsbrüchen für den internationalen Gerichtshof und Überlegungen zur Konsumierbarkeit von Bildern für die Beruhigung der Bevölkerung. Bilder haben es in sich. Ich kenne den Krieg nur aus Filmen, Fotos und Gemälden. Tod und Zerstörung bestimmen dort mehr die Bilder, als Zivilisationsverlust und Langeweile. Heute die Wohnung ausgebombt, morgen die Läden geplündert und übermorgen die Toten im Vorgarten beerdigt. So schnell, wie inMariupol zuletzt, verschwindet geregeltes Leben. Vieles davon ist Rachefeldzugspropaganda oder heroisches Beschönigen auf der Seite der Täter odermitleidserregendes Elend und sinnlose Zerstörung. Auch hier neigt die Sensationspresse zu starken Symbolen, wie etwa jetzt wieder zerstörte russische Panzer vor einemPanzerdenkmal des zweitenWeltkrieges oder zerbombte zivile Gebäude oder explodierende Raketen.. Lee Miller war zunächst drei Wochen nach dem DDay hinter der Front eingesetzt, um aus Lazaretten und Krankenhäusern zu berichten, also von Heldentaten von Frauen, die man für typisch, frauenspezifisch oder weniger grausam hielt, obwohl es auch hier Verletzungen, Operationen undDepressives unschön in sich hatten. Sie hielt mit ihrer Kamera das sich normalisierende Leben hinter der Front fest. Bleichen vonWäsche zwischen Ruinen, dann surreal humoriges und zusehends inDachau unvorstellbares, wasMenschen sich antun und wo Inszenierung undMotivsuche versucht, aber völlig absurd werden. . KannmanKrieg gut darstellen oder Abscheu vor dem Abscheulichen in Bilder fassen? \ bis 22.5. En Route to Cologne – Fotogra/en von Lee Miller (1942-1945) bis 5.6. Yva. Frieda Riess – Fotogra/en 1919-1937 Fotografie-Forum der Städteregion Aachen in Monschau ↗kuk-monschau.de Links: Häuserfassade mit der Dreifaltigkeitskirche im Hintergrund, 1945 Elizabeth „Lee“ Miller (1907-77) war Model, Muse und eigenständige Fotogra/n. Eine Ausstellung im Fotogra/e-Forum der Städteregion Aachen in Monschau zeigt erstmalig ihre Kriegsfotogra/en von 1942-1945, insbesondere der Aachener und Kölner Region. Von Dirk Tölke Foto: LeeMillerArchives, Plaster work Aachen facade with Dreifaltigkeitskirche in background, Aachen, Germany, 1945 Die parallel im Fotogra/e-Forum ausgestellte jüdische Fotogra/n Frieda Riess, die 1944 im KZ getötet wurde, führte unter dem Namen Yva im Berlin der 20er und 30er Jahren ein .orierendes Geschäft für Porträts der zeitgenössischen Celebrities und für Modefotogra/e. Die Ausstellungsporträts zeitigen eine freie ausgelassene Gesellschaft, die zu Drastik und Frenetik neigte. Die In.ation 1923 und der Börsenkrach 1929 schränkten die goldenen 20er Jahre allerdings ziemlich ein. \ YVA Ungezähmt verstummt

RkJQdWJsaXNoZXIy MTk4MTUx