Klenkes - Mai 2022

22 Mai 2022 musicaltheater Genial Der Barbier Benjamin Barker alias „Sweeney Todd“ rächt sich am korruptenRichter Turpin. InMrs. Lovett, einer Pastetenbäckerin mit ebenfalls zweifelhafter Moral, findet er eine kongeniale Vertraute. Ronan Collett, als punkig düsterer und doch sympathischer Mords Barbier und Veronika Hörmann als durchgeknallte Bäckerin mit Hochsteckfrisur und aufgeklebtem Bart nehmen den Zuschauer imTheater Aachen mit auf eine fulminante Reise, die leider nach rund zweieinhalb Stunden endet. Noch viel länger hätte man dem Duo und natürlich auch allen anderen zuhören und sehen können. Es ist schon allein die Optik, die das Stück sehenswert macht. Das düstere London, angesiedelt in einer Zirkuswelt, dankDrehbühne auch noch in unterschiedlichen Ortschaften. Sei es die Bibliothek, die uns in dieWelt derWohlhabenden sehen lässt, der Barbiersalon in der zweiten Etagemit der Bäckerei im Erdgeschoss. Kommen dann noch die Sänger und Sängerinnen in ihren teils skurrilen und doch so passendenKostümen hinzu und zeigen, dass nicht nur die Schauspieler des Theater Aachen spielen können, ahnt man: Das wird richtig gut. Die Sänger wechseln zwischen hervorragendem Gesang und langem Text (alles auf Englisch, aber gut verständlich dank Übertitelung), werden unterstützt vom Opernchor und Extrachor. Mal schwebt einer von der Decke, mal wird er einermausetot über einen galanten Rutsch von Barbierstuhl in den Keller befördert. Passend dazu spielt das Orchester auf und bringt dieMusik auf den Punkt. Das Publikum ist aus demHäuschen. Regisseur JoanAntonRechi hat zusammenmit Gabriel Insignares (Bühne) und SandraMünchow (Kostüm) einfach mal gezeigt, wie es geht. Beim Epilog kommt die Gänsehaut. Die Lacher bleiben imHals stecken. Und wie es sich für eine Oper gehört, sind amEnde alle tot. So einMist.Mussman halt nochmal ins Theater gehen … \ kw 6.5. „Sweeney Todd“ 19.30 Uhr, Bühne, Theater Aachen ↗theateraachen.de schauspiel Eine Lehre Das Grenzlandtheater zeigt unter der Regie von Joosten Mindrup „Meisterklasse“. In einer Meisterklasse werden normalerweise die Erfolgsgeheimnisse vomLehrer an den Schützling weitergegen. Auf welchem Weg das passiert, entscheidet der Lehrer. Dumm nur, dass die Lehrerin in der „Meisterklasse“ amGrenzlandtheater eine wahre Diva ist, die über allem wandelt. Oder besser wandelte. Maria Callas (Susanne Jansen) ist alt geworden. Alt und irgendwie verbittert. Auf der Bühne steht sie nicht mehr. Vorbei sind die Jubelchöre und unzähligen Zugaben. Die Erinnerung an den Ruhm ist geblieben. Und ihr zweifelhaftes Talent ihr gesangliches Können weiterzugeben. Selbstsicher geht sie über die Bühne, raunzt mit tiefer Stimme über alles und jedes. Spricht mit sich selbst und meint doch das Publikum. Im Proberaum der Meisterklasse befindet sie sich. Dort soll sie ihr Wissen weitergeben. Aber ganz ehrlich, eine Diva lehrt nicht. Allein durch ihre Anwesenheit werden ihre Schüler, VerzeihungOpfer, etwas von ihr lernen können. Oder eben auch nicht … Schon zu Beginn des Auftrittes wird klar, was die Callas braucht: Applaus. Und den braucht sie, wie die Luft zum Atmen. Das Einzige, was sie davon ablenkt, scheint das Versagen ihrer Schüler zu sein. Und das niemand ihr das Wasser reichen kann, macht sie klar: „Ich habe Musik gegessen und Musik geschlafen. Was zählt ist die Arbeit.“ Das Problem ist nur, sie arbeitet nicht mehr als Opernsängerin auf der Bühne, das lässt sie verbittern. Ungehemmt zwickelt und zwackelt sie an den jungen Sängerinnen rum, lässt sie kaum einen Ton singen, ohne bereits vorher etwas zu bemängeln zu haben. Singen dann die Damen ihre Arien, kommen die Erinnerungen der Callas zurück. Vom Tonband löst dann die wahre Callas ihre Schüler ab, wie in Trance erlebt die Bühnen Callas dann einen Teil ihrer Lebensgeschichte, erzählt wie sie vom dicken Kind zur meistbewundertsten, aber privat niemals glücklichen Frau wurde, eben oder obwohl weil sie immer alles gegeben hat. Aus „Meisterklasse“ ist ein kleines berührendes Meisterstückchen geworden. Voll mit gutem Gesang, verständlichen Emotionen, clever inszenierten Rückblicken, einer scharfen Zunge und jeder Menge verletztem Stolz. Und ist die Callas zu ihrenOpfern noch so harsch, gerne wäre man selber in ihrer Meisterklasse. Nur um ganz ganz kurz, eine Millisekunde zu fühlen, wie es ist eine Diva zu sein. Aber so gesehen: Dafür reicht ein Gang ins Grenzlandtheater. \ kw 1.-18.5. „Meisterklasse“ 20 Uhr, diverse Orte ↗grenzlandtheater.de Susanne Jansen als Maria Callas und Sopranistin Sharon Graham als deren Opfer. Foto: Milena Knauß Ronan Collett und Veronika Hörmann als mörderisches Duo in „Sweeney Todd“ Foto: Carl Brunn Das Theater Aachen zeigt mit „Sweeney Todd“ ein turbulentes, farbenfrohes, wortgewandt lustiges und schaurig-düsteres Opern-Musical, das man gesehen haben sollte.

RkJQdWJsaXNoZXIy MTk4MTUx