Klenkes - Mai 2022

18 Mai 2022 Fünf Jahre lang haben die USA den in Bremen aufgewachsenen Türken Murat Kurnaz ohne Anklage oder Verurteilung eingesperrt und gefoltert. Im Oktober 2001 – wenige Wochen nach den Anschlägen des 11. September – reiste der 19-Jährige nach Pakistan, wurde dort bei einer Routinekontrolle verhaftet und gegen ein Kopfgeld an die US-Streitkräfte in Afghanistan übergeben. Er war zur falschenZeit amfalschenOrt und landete unter Terrorismusverdacht im berüchtigten Gefangenenlager inGuantanamo, aus dem er erst 2006 entlassen wurde. Murats Freilassungwar vor allemdas Verdienst zweier Menschen: seiner Mutter Rabiye Kurnaz und des Bremer Menschenrechtsanwalts BernhardDocke. In seinemneuen Filmerzählt „Gundermann“ Regisseur Andreas Dresen von deren langwierigem Kampf um Gerechtigkeit nicht in Formeines Politthrillers oder Gerichtsdramas, sondern einer beherzten Tragikomödie. Der Schlüssel für diesen Zugang ist Rabiye Kurnaz, hinreißend und als echte Naturgewalt verkörpert von der deutsch türkischen Moderatorin undKomödiantinMeltemKaptan. Erst macht sie den örtlichen Imam zur Schnecke, der ihren Sohn auf die Idee gebracht hat, nach Pakistan zufliegen. Dann stürmt sie ohne Termin ins Büro von Bernhard Docke (Alexander Scheer) und verlässt es nicht, bevor der Anwalt den Fall übernommen hat. Als sich herausstellt, wo Murat festgehalten wird, eröffnet sich die weltpolitischeDimension. Türkische und deutsche Behörden schieben sich die Zuständigkeiten gegenseitig zu und dass Verfassungsschutz und CIA nichts gegen den Gefangenen in der Hand haben, ist schon ein Jahr nach dessen Festnahme klar. Aber erst eine Sammelklage von betroffenen Angehörigen vor dem US Supreme Court bringt den Stein ins Rollen. Es ist eine klassische Davidgegen GoliathGeschichte, dieDresen fernab aller Formatvorlagen mit viel Herzblut und Feingefühl in Szene setzt. Einfach umwerfend spielt Kaptan die energische Hausfrau und Mutter, die dem juristischen, politischen und geheimdienstlichen Ränkespiel den unumstößlichenWillen entgegensetzt, ihren Sohn zurückzuholen. Diese Konfrontation und die Gesprächemit demhanseatisch trockenen Rechtsanwalt setzen aufgrund des bodenständigen Temperaments der Figur viele komischeMomente frei, ohne dass die nervenzehrende Verzweiflung in dem jahrelangen Verfahren verschwiegen wird. Und so steht am Schluss auch einHappy Endmit gemischtenGefühlen: Bis heute haben sich die Verantwortlichen nicht bei Familie Kurnaz entschuldigt und noch immer werden 39Menschen inGuantanamo ohne Anklage festgehalten. \ „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ D/F 2022 // R: Andreas Dresen Start: 28.4. | 118 Minuten | FSK 6 ●●●●● Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) und ihr Anwalt Bernhard Docke (Alexander Scheer) nach ihrer Rede vor den Familien anderer Guantanamo-Gefangener in Washington. Das Recht auf Justiz Die Tragikomödie „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ arbeitet den Politskandal um Murat Kurnaz auf. Von Martin Schwickert Foto: Luna Zscharnt/Pandora Film Quasi als Komplementär/lm zu „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ ist das Drama „5 Jahre Leben“ mehr als nur einen Blick wert. Stefan Schallers Filmakademie-Abschlussspiel/lm aus dem Jahr 2013 zeigt, was Murat Kurnaz hinter den Mauern Guantanamos mutmaßlich widerfahren ist und stellt ebenfalls die Frage, welche Rechtsverstöße die westlichen Demokratien bereit sind zu begehen, wenn es ihnen in den Kram passt. \ AM RANDE Obwohl sie selbst noch keine Kinder hat, möchte man eine wie sie zur Mutter haben. Eine Frau, die die Welt umarmt und nach vorn stürmt. Eine Löwin! Regisseur Andreas Dresen über Hauptdarstellerin Meltem Kaptan

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