Kinderzeitung Nr. 2

Mit tendrin 4 5 Simone Pertuchs Arbeitszimmer sieht mit ziemlicher Sicherheit anders aus als das eurer Eltern. Bei ihr gibt es zum Beispiel ein Regal voller Schleich-Tiere und einen Sandkasten. Das liegt an ihrem besonderen Beruf: Simone Pertuch ist analytische Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche. Sie behandelt junge Menschen zwischen null und 21 Jahren. Seit etwa 15 Jahren macht sie ihren Job. Momentan stellt sie fest, dass viele Hilfe bei ihr oder ihren Kolleginnen und Kollegen suchen. HalloFrauPertuch! SiehabenKinderundJugendlichewährendder Pandemiebegleitet.Dannkamauch nochderKrieg inderUkrainehinzu.Daskannganz schönbelastend seinfür jungeMenschen, oder? Simone Pertuch: Ja. Zu mir kommen Kinder und Jugendliche, die sowieso eher sensibel sind. Sie reagieren auf ihr Umfeld, sind empathisch und fühlen mit. Die Pandemie ist echt eine Katstrophe. Und als ich gerade dachte, ja, jetzt kann das Leben wieder losgehen, jetzt können sie wieder Erfahrungen machen, da kam dieser Krieg. Die Jugendlichen haben ein schlechtes Gewissen. Sie fragen sich: Darf ich mich wieder mit Freunden treffen? Darf ichmich freuen? Alsofällt es ihnennochschwer, sich wieder zuverabreden, obwohl dieEinschränkungengrößtenteilswegsind? Simone Pertuch: Genau. Aber ich merke auch, dass jetzt, da die Sonne rauskommt und das Wetter besDie Schwierigkeit, drei Krisen zu bewältigen ser wurde, die Verlockung doch größer war als das Gewissen. Und wie das immer so ist mit Nachrichten, die rücken irgendwann auch in den Hintergrund. Für die Kinder finde ich das ehrlich gesagt im Augenblick gut, damit sie endlich wieder ins Leben kommen. Gibt esKinderundJugendliche, diesichwegendieserKrisensituation inTherapiebegebenhaben? Simone Pertuch: Ja, und zwar mit Beginn von Corona. Zwänge und Ängste standen total im Vordergrund. Ich habe zum Beispiel chronisch kranke Kinder in Behandlung mit Herz- oder Lungenerkrankungen, die totale Angst hatten. Sie sind wirklich nur noch mit Maske herumgelaufen, haben sich gar nicht mehr raus getraut. Oder dieser Waschzwang, das hat auch noch nicht aufgehört. Manche haben auch die Ängste ihrer Eltern übernommen. Wieerfahren IhrePatientinnen undPatienten, dass siezu Ihnen in dieTherapiekommenkönnen? Simone Pertuch: Die Kids sind darin ziemlich gut. Sie rufen direkt an oder schreiben eine Mail. Das ist total abgefahren. Ich find das auch immer wieder erstaunlich, aber das ist gar nicht mehr so tabuisiert. Ich finde das total super. Manche Patienten bringen auch jemanden mit, demes nicht so gut geht, umzu zeigen: So sieht das aus. Lehrer vermitteln auch an uns. NehmenKinderdiePandemieanderswahr alsErwachsene? Simone Pertuch: Die Erwachsenen wissen ja, dass wieder neue Sachen kommen, andere Sachen, dass schlechte Zeiten vorbei gehen, wieder gute kommen. Sie haben so eine Lebenserfahrung und die Gewissheit: Irgendwie kriegt man das schon hin. Die Kinder haben das eben nicht. Die sitzen da drin und denken, das ist die Realität und die ist jetzt für immer so. Ihnen geht ganz viel verloren, Erfahrungen, die sie nicht machen können. Kinder können nicht zu Sportkursen, sie können sich nicht so messen, sie bleiben in sich. Und Eltern haben dann dieses schlechte Gewissen, dass die Kinder alleine sind und was verpassen und geben ihnen natürlich ganz viel individuelle Zuwendung. Die ist auch nicht immer gut. Warum? Simone Pertuch: Weil alles auf das Kind zugeschnitten wird. Dann kommt die Persönlichkeitsentwicklung nicht so in Gang. Die Rückmeldung von Gleichaltrigen ist normalerweise direkt da. Die sagen „Du hast ‘ne Macke“, oder auch umgekehrt: „Boah, finde ich total cool, was du machst!“. Das ist ja viel aussagekräftiger, als wenn eineMama sagt: „Dasmachst du ganz toll.“. GingeesmanchenKinderndamitvielleicht sogarbesser? Simone Pertuch: Für Kids mit sozialen Ängsten war der Lockdown natürlich super. Sie haben zum Beispiel Angst vor Bewertungen oder haben blöde Erfahrungen mit anderen Kindern gemacht. Aber es war ja nichts mehr. Das sind auch die, die wirklich große Schwierigkeiten haben, wieder in die Schule zu gehen. Manche sind auch noch gar nicht wieder aus der Pandemie aufgetaucht. Was sindtypischeVerhaltensweisen, dieKindermitgenommenhaben? Simone Pertuch: Maske tragen und Waschen, zum Beispiel. Und sonst? Ja, diese Unsicherheit, dass morgen immer alles ganz anders ist als gestern. Das ist geblieben. Wenn man sich auf etwas freut, einen Urlaub oder so, erst mal abwarten. Wer weiß, wie die Regeln dann sind. Das ist noch ein bisschen drin. Das Schlimmste war eigentlich diese Sorge, jemand anderen anzustecken, Oma und Opa zum Beispiel. Das ist aber Gott sei Dank kaum mehr Thema. Also istdieschwierigsteZeitvorüber? Simone Pertuch: Naja, wir haben ja noch eine dritte Krise, die ganz viele Kinder und Jugendliche beschäftigt, die Klimakrise. Und dann kommen bald Zeugnisse, das ist auch immer so einHöhepunkt. WiekannmanaufKinder zugehen, denenesnicht sogut geht? Simone Pertuch: Immer wichtig finde ich, nachzufragen, ob Kinder über ihre Situation sprechen wollen. Man sollte sie nie einfach laufen lassen, wenn man was beobachtet. Manchmal machen sie das auch schon mit anderen Kindern, das ist total gut. Oder zum Beispiel mit einem Nachbarn, dem sie vertrauen. Es muss nicht immer gleich ein Psychologe oder ein Therapeut sein. Was auch total gut ist, sind die Beratungsstellen wie der Kinderschutzbund. Das ist ganz niedrigschwellig. Die richtige Anlaufstelle oder Beratung zu finden, ist nicht immer so einfach. Hast du Sorgen oder Not, kannst du Rat, Hilfe und Unterstützung bei verschiedenen Beratungsangeboten online oder telefonisch erhalten. Insbesondere die Corona-Pandemie und die aktuelle Kriegssituation in der Ukraine können Fragen, Ängste oder auchKonflikte in der Familie auslösen. Folgende Beratungs- und Hilfsangebote per Telefon, Chat oderMail sindanonymundkostenfrei: Caritas: Nummer gegen Kummer (0800/1110 333) oder Online-Chat (www.caritas.de/hilfeundberatung/onlineberatung/ kinder-jugendliche/start) Nummer gegenKummer: Kinder- und Jugendtelefon (116/111) KinderschutzbundAachen: vor Ort (Talstraße 2, 52068 Aachen), per Telefon (0241/949 940) oder perMail (info@kinderschutzbund-aachen.de) BKE-Jugendberatung: online Einzel- undGruppenchats sowie Forumoder perMail (jugend.bke-beratung.de) Telefonseelsorge: per Telefon (0800/1110111, 0800/1110222 oder 116/123) oder per Mail undChat (online.telefonseelsorge.de) PsychotherapeutinSimonePertuchbehandelt Kinder und Jugendliche in ihrer Praxis in Aachen. Die richtigeBeratungsstelle finden

RkJQdWJsaXNoZXIy MTk4MTUx