Die 68er

Seit 50 Jahren wird über die 68er und 1968 gestritten, über das Jahr der Revolte, der Studentenproteste, des Attentats auf den Studenten- führer Rudi Dutschke und die da- rauf folgenden Osterunruhen und Straßenschlachten, das Jahr der Demonstrationen gegen den Viet- namkrieg, die Notstandsgesetze und autoritäre Strukturen vor al- lem an den Universitäten, das Jahr nicht endender Diskussionen über die Gewaltfrage. 1968 hat die Bun- desrepublik verändert; wie stark, ob positiv oder negativ – auch da- rüber wird bis heute heftig debat- tiert. Was damals war und was da- von geblieben ist, analysiert der Heidelberger Zeithistoriker edgar wolfrum imGesprächmit unserem Redakteur peter pappert. ist das Jahr 1968 – nach 50 Jahren betrachtet – die entscheidende Zä- sur in der bundesrepublikanischen Geschichte? edgar wolfrum: Es ist eine Zäsur, aber nicht die entscheidende. Ent- scheidend waren die doppelte Staatsgründung 1949 und dieWie- dervereinigung 1989. Dazwischen liegen kleinere Zäsuren – eben zum Beispiel 1968; aber auch der Machtwechsel 1969. Wer waren die 68er? wolfrum: Die 68er hat es sowieso nicht gegeben, sondern ganz unterschiedliche Gruppen; das gilt auch international. 1968 war ein globales Ereignis. In Deutschland kann man drei große Gruppen unterscheiden. Der SDS (Sozialisti- scher Deutscher Studentenbund), also die neue Linke, die sich vor al- lem in der Auseinandersetzung mit den sogenannten Notstands- gesetzen formiert hat. Zum zwei- ten die sehr breite Bewegung weit über die neue Linke hinaus, die for- derte, sich stärker mit der NS-Ver- gangenheit auseinanderzusetzen. Schließlich jene Gruppe, die – vor allem im internationalen Kontext – gegen den Vietnamkrieg agi- tierte. Wie stark war das Motiv, sich gegen autoritäre Strukturen in der Gesell- schaft, in den Schulen und Universi- täten – gegen Gehorsam – aufzu- lehnen? wolfrum: Es war eines von mehre- ren Motiven. Die 60er Jahre waren ein Jahrzehnt des gesellschaftli- chen Aufbruchs. Autoritäten wur- den seit dem Ende der Ära Ade- nauer 1962/63 scharf hinterfragt. Es gab gesellschaftliche Liberalisie- rung und einen Generationswech- sel; nie zuvor war eine so große Dy- namik in der Gesellschaft wie in je- nen Jahren. Das alles kulminiert 1968/69. Jene, die zwischen 1945 und 1950 geboren worden waren, begehrten gegen ihre Eltern auf. Und da spielte die nationalsozialis- tische Vergangenheit natürlich eine große Rolle und die Frage: „Was habt Ihr damals gemacht?“ Das war das besondere deutsche Thema. wolfrum: Ja, und es erreichte sei- nen Höhepunkt während der Gro- ßen Koalition mit der Verabschie- dung der Notstandsgesetze, die von den Kritikern plakativ abge- kürzt und als NS-Gesetze bezeich- net wurden. Jeder Staat hat solche Gesetze; aber vor demhistorischen Hintergrund des Ermächtigungs- gesetzes von 1933 haben solche Ausnahmeregelungen hierzulande schon eine andere Bedeutung als beispielsweise in Frankreich. Bis 1968 war es in der Bundesrepublik so geregelt, dass in einem Not- standsfall die Westalliierten hät- ten eingreifen müssen, weil es keine gesetzliche Regelung gab. Der Protest gegen das Schweigen und Leugnen, gegen den weit ver- breiteten Unwillen der elterngene- ration, sich der NS-Vergangenheit zu stellen, war also berechtigt. wolfrum: Er war zum Teil berech- tigt. Die „Unfähigkeit zu trauern“, wie die Psychoanalytiker Marga- rete und Alexander Mitscherlich es genannt haben, war schon vor- handen. Aber die 68er waren nicht die einzigen Aufklärer, was die Na- zizeit angeht. Da gab es viele Vor- läufer wie zumBeispiel das Institut für Zeitgeschichte in München. In den Familien wurde das Thema al- lerdings ausgeklammert; so lautete auch die These der Mitscherlichs. Daran brach der Generationen- konflikt auf. War der Vorwurf berechtigt, es gebe zu viel personelle Kontinuität vom Nazireich zur Bundesrepublik? wolfrum: Ja, es gab unnötige Kon- tinuitäten; denken Sie, um nur ein Beispiel zu nennen, an Adenauers Kanzleramtschef Hans Globke. Im Grunde handelte es sich umein In- tegrationsangebot des neuen Staa- tes an ehemalige Nazis, dass ihre Sünden vergeben werden, wenn sie in der Demokratie der Bundes- republik aktiv mitmachen. Trotz- dem hätte man nicht so viele Funktionseliten mitschleppen müssen. So groß also manche Skandale diesbezüglich waren, es bleibt die Frage: Welche Alterna- tive gab es? Man hätte ja das Volk nicht auswechseln können. Die Zahl der Mittäter und Mitläufer unter dem Nazi-Regime war ex- trem hoch. Die Integration führte dann allerdings in vielen Fällen zu übertriebener Nachsicht. Dass das NSDAP-Mitglied Kurt-Georg Kie- singer Kanzler wurde, ging zu weit. Eine Reihe von Ministerien und Behörden auf Bundes- und Landes- eben hat dieses Kapitel schon auf- gearbeitet und eine extrem hohe Kontinuität verzeichnet. Sah sich die Generation der eltern und Großeltern als Opfer der NS- Zeit und stemmte sich auch des- halb so stark gegen die Aufarbei- tung? wolfrum: Die meisten Deutschen sahen sich als Opfer Hitlers und des Bombenkrieges. Die Deut- schen – vor allem die Vertriebenen und Flüchtlinge – haben am Ende des Krieges massiv gelitten. In den Nürnberger Kriegsverbrecherpro- zessen wurde insofern ein Fehler gemacht, als nur die Spitzen des Regimes angeklagt wurden. Das führte zu der Einstellung, die we- sentlichen Täter seien verurteilt und der Rest sei eben Opfer. 1963 wurde US-Präsident John F. Kennedy in Berlin mit einem vorher und nachher nie dagewesenen Jubel begrüßt. Nur fünf Jahre später wurde das Amerikahaus am Bahn- hof Zoo attackiert. War der 68er Protest antiamerikanisch? wolfrum: Der Protest in Deutsch- land gegen den Vietnamkrieg war antiamerikanisch. Der Begriff ist allerdings kompliziert. Die Protest- formen der 68er – Sit-ins, Go-ins – kamen ja auch über den Atlantik von kalifornischen Universitäten. Die Amerikaner wurden dann während des Vietnamkrieges gro- ßenteils in Kollektivhaft genom- men. Das ist gerade mit Blick auf Westberlin nicht unproblema- tisch, weil die USA deren Schutz- macht waren. Dieser Widerspruch war unter den 68ern sehr groß. Heizte die Große Koalition, also al- lein die Tatsache, dass sich die SPD mit der Union verbündete, den Pro- test an? wolfrum: Ja, das hat den Protest natürlich angeheizt. Die Große Ko- alition stand damals – noch mehr als heute – in einem schlechten Ruf. 1966 bis 69war sie – imGegen- satz zu heute – wirklich noch groß. Umso leichter aber konnten die Rückbezüge zum Nationalsozialis- mus gezogen werden, so falsch sie auch waren. Widerstand und Kri- tik waren berechtigt, andererseits war der Vizekanzler Willy Brandt Emigrant und Widerstandskämp- fer gegen denNationalsozialismus. Die Große Koalition war auch so etwas wie die „große Versöhnung“ in der deutschen Geschichte. Nur vor diesem Hintergrund konnte es 1969 zum ersten Machtwechsel in der Bundesrepublik kommen. Trug die Kritik der 68er indirekt dazu bei, dass die westdeutsche Ge- sellschaft pluralistischer wurde? Stärkte der Protest die Fähigkeit des bundesrepublikanischen Sys- tems zur Selbstkritik? wolfrum: In der damaligen Zeit selbst sicher nicht, aber langfristig war das so. Wenn man – von der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) mal abgesehen – die Karrieren von 68ern betrachtet, kann man sagen, die Demokra- tie wurde auf Dauer gefes- tigt; denken Sie nur an Joschka Fischer. Es wäre aber ein Fehler zu glauben, erst durch ’68 sei die Bun- desrepublik zu einer wah- ren Demokratie gewor- den. Das stimmt nicht. Die sogenannte „skepti- sche Generation“ – die 45er, wenn man so will – haben mit ihrer Wieder- aufbauleistung langfristig wahrscheinlich noch viel stärker in die Gesellschaft gewirkt und waren für die Liberalisierungseffekte anfangs viel wichtiger. Auf deren Fundament steht auch die Protestbe- wegung. Die 68er waren nicht nur glühende Ver- fechter von Freiheit und freier Rede, sondern agierten unter dem Sie- gel des Anti-Autoritären selbst doch reichlich au- toritär. Überall in der westlichen Welt locker- ten und liberalisierten sich die Gesellschaften. Sie erwähnten Joschka Fischer. Per- sonifiziert er mehr die integrations- kraft des politischen Systems der Bundesrepublik oder die Anpas- sungsfähigkeit der 68er? wolfrum: Sicherlich viel stärker die Integrationskraft des Systems. Das ist das Hervorragende, dass unsere wehrhafte Demokratie Personen aufnimmt und zu glühenden De- mokraten verwandelt, die in ihrer Jugend ganz anders drauf waren. Integration hat natürlich auch im- mer etwas mit Anpassung zu tun. Die Demokratie und das politische System der Bundesrepublik wur- den durch ’68 und die darauf fol- genden sozialen Bewegungen in den 70er und 80er Jahren deut- lich gestärkt. In den 70er Jah- ren lag die Wahlbeteiligung bei mehr als 90 Prozent. Hat es den berühmten „Marsch durch die institutionen“ gegeben? wolfrum: Den hat es gegeben, aber das wird häufig übertrieben dargestellt. Anfang der 70er Jahre wurden viele Stellen in den öffentlichen Ver- waltungen neu besetzt. Da spielt sich ein ganz normaler Pro- zess ab. Dieser Generationen- wechsel ist nicht spezifisch für die 68er. Als es nicht mehr ganz so rebellisch, aber umso schöner war: Pop- festival im Juli 1970 im reitstadion in der Aachener Soers. Foto: Manfred Kistermann Karfreitag, 12. April 1968, auf dem Kurfürstendamm in Berlin: Polizisten versu- chen, demonstrierende Studenten zurückzudrän- gen. Das Attentat auf rudi Dutschke hatte eine regelrechte Protestwelle ausgelöst. Foto: dpa Protest gegen den Vietnamkrieg: Studenten demonstrieren mit einem Transparent, das Adolf Hitler, US-Präsident Lyndon B. Johnson und Berlins regierenden Bürgermeister Klaus Schütz zeigt. Foto: imago/Werek professor edgarwolfrum (57) hat am Historischen Seminar der Uni- versität Heidelberg die Professur für Zeitgeschichte inne. Neben der deutschen und westeuropäischen Zeitgeschichte gehören Geschichts- politik und erinnerungskulturen so- wie die Diktaturerfahrungen im 20. Jahrhundert zu seinen Forschungs- schwerpunkten. er befasst sich zudem intensiv mit NS-Tätern und NS-Prozessen nach 1945. Wolfrum habilitierte sich 1999 mit einer Arbeit über die „Geschichtspolitik in der Bundes- republik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikani- schen erinnerung 1948-1990“. Zeitgeschichtsforscher die usa geraten 1968 in Vietnam in die De- fensive. in Paris und Berlin gehen die Studen- ten auf die Straße. in der Tschechoslowakei wird der „Prager Frühling“ erstickt. „Apollo 8“ umkreist den Mond. ▶ 4. januar: Die Komödie „Zur Sache, Schätzchen“ über das Lebensgefühl der 68er kommt in die Kinos. ▶ 5. januar: Alexander Dubcek wird General- sekretär der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. er propagiert einen „Sozia- lismus mit menschlichem Antlitz“ und wird zur Symbolfigur des „Prager Frühlings“; politi- sche und wirtschaftliche reformen werden eingeleitet. ▶ 30. januar: Vietkong-rebellen und nord- vietnamesische Truppen greifen Ziele in Süd- vietnam und die dort stationierten US-einhei- ten an. Der Polizeipräsident von Saigon er- schießt am 1. Februar vor laufender Kamera einen gefangenen Vietcong – ein Bild, das um die Welt geht. ▶ 17. februar: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) organisiert in West-Ber- lin eine „internationale Vietnam-Konferenz“. einen Tag später demonstrieren 12 000 Stu- denten gegen die US-Politik. Bald darauf pro- testieren Zehntausende gegen die Kundge- bung des SDS. ▶ 16. märz: US-Soldaten töten in Südviet- nam beim Massaker von My Lai mehr als 500 Zivilisten. ▶ 31. märz: US-Präsident Lyndon B. Johnson will nicht wieder für die Präsidentschaft kan- didieren. er stellt die Bombenangriffe auf Nordvietnam ein und öffnet den Weg für Ver- handlungen. ▶ 2. april: Aus Protest gegen den Vietnam- krieg werden in Frankfurt am Main Brandan- schläge auf zwei Kaufhäuser verübt. Zu den Tätern gehören die späteren rAF-Mitglieder Gudrun ensslin und Andreas Baader. ▶ 4. april: Der Bürgerrechtler Martin Luther King wird in Memphis (Tennessee) erschossen. Nach dem Attentat verschärfen sich die ras- senunruhen in den USA. ▶ 11. april: rudi Dutschke, führender Kopf daten des jahres zur person Das Land wurde liberaler und das System gestärkt Der historiker edgar wolfrum rät, Licht- und Schattenseiten von 1968 und die langfristigen Folgen des epochejahres nüchtern zu betrachten. Das Verdienst der 68er sei auch in den Leistungen anderer begründet. seite 6/7 die

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