Die 68er

seite 16 sonntag, 27. mai 2018 Die 68er Vom kommunistischen bund westdeutschlands in führende Ämter: die erstaunlichen Karrieren von Ulla Schmidt und Günter Schabram „Wir dachten, die ganzeWelt verändern zu können“ von gerald eimer aachen. China war weit weg, da- mals in den 1970er Jahren. Weiter weg jedenfalls als die DDR, Polen oder die Tschechoslowakei, wo der Prager Frühling ein blutiges Ende fand und die Hoffnung auf einen demokratischen Sozialismus ge- waltsam beendet wurde. „Wir wollten einen menschlichen So- zialismus“, erinnert sich Ulla Schmidt an ihre Studentenzeit, die sie mitten hineinbrachte in ein re- volutionäres Umfeld, das nichts weniger als einen gesellschaftli- chen Umsturz herbeiführen wollte. Der alte Muff musste weg, die Nazivergangenheit überwun- den werden, die Welt sollte besser werden. In dieser Zeit wurde der Kom- munistische Bund Westdeutsch- lands (KBW), eine Kaderorganisa- tion, die demMaoismus der Volks- republik China nahestand, kurz- zeitig zur politischen Heimat der Aachenerin, die es in ihrer politi- schen Karriere später nicht nur bis zur am längsten amtierenden Bun- desgesundheitsministerin (2001 bis 2009), sondern auch zur Vize- präsidentin des Deutschen Bun- destags (2013 bis 2017) brachte. Kennengelernt hat sie damals auch Günter Schabram, der aus Mönchengladbach nach Aachen kamund 1976 in den KBWeintrat. Später wurde er nicht nur einer der führenden Grünen in der Region, er machte auch als Sozialdezer- nent in der Städteregion Aachen (2010 bis 2014) Karriere. aufgewühlt vomVietnamkrieg Das klingt nach einem erfolgrei- chen Marsch durch die Institutio- nen, wie ihn einst der Studenten- führer Rudi Dutschke propagiert hat, doch als „Kronzeugen“ oder typische Vertreter der 68er Bewe- gung sehen sich Schmidt – Jahr- gang 1949 – und Schabram – Jahr- gang 1953 – nicht. „Das waren die Ausläufer, in denen wir aktiv wur- den und in die Politik gekommen sind“, sagen sie. „Der Vietnamkrieg war der Aus- löser für mein Engagement“, erin- nert sich Ulla Schmidt, die zuvor schon in katholischen Jugend- gruppen aktiv war. Doch der Zeit- geist war ein anderer. Bücher wie „Die Verdammten dieser Erde“ von Frantz Fanon oder Eugen Kogons „Der SS-Staat“, die Rassendis- kriminierung in den USA, das Attentat auf Martin Luther King, die Bilder von dem hinge- richteten Vietcong-Sol- daten und dem schreienden Na- palm-Mädchen – all das habe sie damals aufgewühlt. Als 19-Jährige beteiligte sie sich an einer großen Demonstration gegen den Vietnamkrieg am Aachener Elisenbrunnen, als Stu- dentin geriet sie in die zahllosen politischen Diskussionen, die überall geführt wurden – in Hörsä- len, auf Theaterbühnen, auf Stra- ßen, in Wohngemeinschaften, in besetzten Räumen. „Das war ein richtiger Schub für die demokrati- sche Kultur in diesem Land“, ist Schmidt bis heute überzeugt. Und doch tut sie sich erkennbar schwer damit, über diesen Abschnitt in ihrem Leben zu reden. Wer auf ihren offiziellen Inter- net-Seiten sucht, findet nichts über ihren Ex-Mann Christian Schmidt, den Vater ihrer Tochter Claudia, ein damals führendes Mitglied im Sozialistischen Deut- schen Studentenbund (SDS) in Aachen. Man findet nichts über ihre Zeit beim KBW, für den sie als 27-Jährige ihren ersten Bundes- tagswahlkampf führte und in dem sie gegen ihren späteren politi- schen Ziehvater in der SPD und Freund Dieter Schinzel antrat. Nichts über das drohende Berufs- verbot für die angehende Lehrerin, die sich 1976 weigerte, eine Ver- pflichtungserklärung auf das Grundgesetz zu unterschreiben und die deswegen vorübergehend in der AachenerWoolworth-Filiale jobbte, statt zu unterrichten. Kaum drei Jahre dauerte ihre politische Phase beim KBW, die sie im Verlauf ihrer Karriere immer wieder einholen sollte. Noch vor wenigen Jahren wurde sie selbst in Ärzteblättern verdächtigt, weiter- hin alten kommunistischen Ju- gendträumen anzuhängen und als Gesundheitsministerin in Wahr- heit Umsturzpläne zu verfolgen und einen Kampf gegen den Pri- vatbesitz der Ärzteschaft zu füh- ren. Politische Gegner, rechte und ultrarechte Vertreter kramten Zi- tate aus alten KBW-Zeitschriften raus, die belegen sollten, wes Geis- tes Kind sie bis heute geblieben sei. Kritiklos habe sie damals den Per- sonenkult um Mao Zedong mitge- tragen und angebliche Freiheits- kämpfer bejubelt, die sich später als grausame Despoten und Dikta- toren erwiesen haben, darunter Pol Pot in Kambodscha, Idi Amin in Uganda und Robert Mugabe in Simbabwe. Ihren Schmuck habe sie damals verkauft, um die Mugabe-Bewe- gung in Simbabwe zu unterstüt- zen, erinnert sie sich. „Gewehre für die Jugend Simbabwes“ hieß das Motto. Mehr als eine Million D-Mark habe der KBW damals zu- sammengetragen. Aber Mugabe war eben auch noch nicht der Dik- tator, der mit harter Hand das Land regiert, sondern ein Kämpfer gegen die verhassten britischen Kolonialherren. „immer sektiererischer“ Asien und Afrika waren eben weit weg. Die Informationen flossen damals nicht wie heute, wo man oftmals in Echtzeit miterleben kann, was am anderen Ende der Welt passiert. „Wir haben gedacht, die Kulturrevolution wäre ein Auf- bruch, Teil der Freiheitsbewegung und der Jugendrevolte“, sagt Ulla Schmidt heute. „Dass dort in Wahrheit fürchterliche Verbre- chen begangenwurden, habenwir erst später erfahren.“ Das ferne Land China wurde verklärt, stand damals für einen „humanen Sozia- lismus“ und war damit das glatte Gegenteil des „Staatssozialismus“ sowjetischer Prägung, wie er gleich hinter der Berliner Mauer zu erle- ben war und vom KBW entschie- den abgelehnt wurde. Schönzureden sei daran den- noch nichts. „Das wurde immer sektiererischer und dogmati- scher“, sagt auch Schabram über die vorherrschende KBW-Ideolo- gie. Anfangs sei das anders gewe- sen. Da fühlte er sich gut aufgeho- ben in einemUmfeld, in dem Rudi Dutschke eine Lichtgestalt war und der Anbruch einer neuen Zeit herbeigesehnt wurde. „Wir hatten das Gefühl, die ganze Welt verän- dern zu können.“ Es waren ja die Jahre, als Lehrer ihre Schüler noch schlagen durften, als Frauen ihre Männer noch umErlaub- nis bittenmussten, wenn sie arbeiten wollten, und Befehl und Gehorsam als echte Tugenden geprie- sen wurden. „Das woll- tenwir alles nicht mehr“, sagt Schabram, für den insbeson- dere auch der Putsch in Chile und die Errichtung einer Militärdikta- tur dort mit Hilfe der USA politisch prägend waren. 1980 ist er ebenfalls noch für den Aachener KBW in den Bundes- tagswahlkampf gezogen. Die Auf- lösungsphase ab 1983 hat er als Bundesvorsitzender mitvollzogen. Im Jahr darauf ist er dann für die Grünen in den Aachener Stadtrat eingezogen. Zu diesem Zeitpunkt war Ulla Schmidt bereits Mitglied der SPD. Sie hatte sich schon 1977 vom KBW losgesagt. Der Terror der RAF und „der ganze Umgang mit dem Thema Gewalt hat mich an den Punkt gebracht, an dem ich gesagt habe: Jetzt kann ich nicht mehr“, erinnert sich Schmidt. „Dass Men- schen, die sich angeblich für Frei- heit einsetzen, so was machen, hat mich völlig erschüttert.“ Eine Weile wollte sie gar nichts mehr mit Politik zu tun haben, doch dann chauffierte sie ihre Mutter zu Versammlungen der SPD und traf erneut mit Schinzel zusammen. 1983 wurde sie Mit- glied der SPD; und von da an ist ihr weiterer Lebensweg auchwieder in ihrer offiziellen Biografie nachzu- lesen. Das Soziale sei ihr immer wich- tig gewesen, daher sei sie auch nicht – wie Schabram und so viele andere Alt-KBWler – bei den Grü- nen gelandet. Doch noch 1990 – während ihres ersten Bundestags- wahlkampfs für die SPD – haben ihre politischen Gegner ihr die KBW-Vergangenheit vorgehalten und versucht, sie in die kommu- nistische Ecke zu stellen. „Ich hab‘ dann immer gesagt: besser da als bei den Nazis.“ Und auch der alte Spruch von Winston Churchill – „Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 30 noch Kommunist ist, hat keinen Verstand“ – kam ihr zu- pass. „Ich habe beides: Herz und Verstand.“ Gesellschaftlich und kulturell habe die 68er Generation „un- glaublich viel erreicht“, sind Ulla Schmidt und Günter Schabrambis heute überzeugt. „Wir haben viel verändert, aber die Verfassung ha- ben wir zum Glück nicht verän- dert“, fügt Schabram regelrecht er- leichtert hinzu. Allen damaligen Umsturzfantasien zum Trotz be- tont er heute: „Ich bin ein Verfas- sungspatriot.“ Haben gemeinsame politische Wurzeln: Ulla Schmidt und Günter Schabram hofften in den 1970er Jahren auf den gesellschaftlichen Umsturz und fanden ihre politische Heimat kurzzeitig beim KBW. Später machte Ulla Schmidt Karriere in der SPD und Günter Schabram bei den Grünen. Foto: Harald Krömer der kbw (Kommunistische Bund Westdeutschland) ist im Juni 1973 unter demVorsitz von Joscha Schmierer in Bremen gegründet worden. er gehörte in den 1970er Jahren zu den drei wichtigsten und größten K-Gruppen in der Bundesre- publik. Neben dem KBWwaren dies die Kommunistische Partei Deutsch- lands, Aufbau-Organisation (KPD-AO) und die Kommunistische Partei Deutschland, Marxisten-Leni- nisten (KPD/ML). Das große ideolo- gische Vorbild des KBWwar das maoistische China, das Parteiorgan war die Kommunistische Volkszei- tung. den k-gruppen haben sich vorwie- gend Studenten verschrieben, die sich als Avantgarde der Weltrevoli- tion sahen und die ein oftmals idea- lisiertes Bild der Arbeiterschaft hat- ten, für deren Befreiung sie angeb- lich kämpften. Der KBWwar Teil der theoretisch geschulten dogmati- schen Linken, deren Hauptgegner der „bürgerliche Staat“ war, deren Führungsfiguren in jener Zeit aber auch den undogmatischen linken Spontis und Basisgruppen aus dem Alternativmilieu unversöhnlich gegenüberstanden. Das änderte sich später. Die strenge Hierarchie trieb viele KBWler auch in die neu auf- kommenden Bewegungen wie die Frauenbewegung oder die Anti- AKW-Bewegung, was letztlich auch zur Auflösung des KBW führte. bundesweit zählte der KBW zu sei- nen besten Zeiten rund 2600 Mit- glieder. Hochburgen waren vor al- lem mittlere Städte wie Bremen, Göttingen, Freiburg oder Heidel- berg. Die Aachener Gruppe, die von 1974 bis 1983 bestand, zählte rund 100 Mitglieder. bereits ab 1982 ruhte die politische Arbeit des KBWweitgehend, die bundesweite Auflösung wurde 1985 beschlossen. Zu den prominentesten Mitgliedern, die später auch bundes- weit bekannt wurden, zählen neben der Aachener SPD-Politikerin Ulla Schmidt auch der frühere Grünen- Vorsitzende reinhard Bütikofer, die frühere Grünen-Fraktionsvorsit- zende Krista Sager und der heutige Ministerpräsident von Baden-Würt- temberg, Winfried Kretschmann. Die Avantgarde der weltrevolution „Wir wollten einen menschlichen Sozialismus.“ ulla schmidt Der Vietnamkrieg brachte auch in Aachen die Studenten auf die Straße. in seiner Blütezeit zählte der KBW hier bis zu 100 Mitglieder. Foto: Sepp Linckens „Wir haben viel verändert, aber die Verfassung haben wir zum Glück nicht verändert.“ günter schabram

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