Die 68er

seite 14 sonntag, 27. mai 2018 Die 68er AAchen | Was halten die Studenten heutzutage von studenti- scher Rebellion? Kann man die Belange von damals auch heute noch in den Uni- versitäten spüren? Und wie hat sich die Diskussions- kultur verändert? Unsere Redaktionsmitglieder Laura Laermann und nadine Tocay haben im Interviewmit Julie Göths, Studentin der Politikwis- senschaften, ArnoWeiß, Student der Automati- sierungstechnik, David Beumers, Bauingenieurs- student, und henning nießen, Student der An- gewandten Geografie, über diese Fragen gesprochen. Spielt die 68er Bewegung heute noch eine Rolle bei den Studenten? Julie: Heute ist die Bewegung sehr weit weg aus dem Bewusstsein der Studenten. Und dennoch tragen sie ein Erbe: Es werden Aktionen von Studenten gegen die Hochschule er- wartet, etwas Revolutionäres und eine „Wir sind dagegen“-Position. Die Bewegung wirkt nach. Ohne sie wären wir längst nicht so weit, vor allem bei der sexuellen Selbstbe- stimmung oder bei der Ehe für alle. Aber: Die 68er Bewegung war längst nicht die große Revolution, von der man heute spricht. Arno: Der revolutionäre Duktus an Unis hat sich zum Glück in Luft auf- gelöst. henning: In Aachen liegt das beson- ders an der unpolitischen Menta- lität der Studenten, das ist die We- sensart der Techniker. Schon da- mals gab es ja den Spruch „Berlin brennt. Aachen pennt“. Die Bewe- gung spielt auch heute keine Rolle mehr. Selbst im Studentenparla- ment bezieht sich niemand mehr auf die 68er. David: Ich würde nicht sagen, dass die Studenten in Aachen grundsätz- lich kein Interesse an Politik ha- ben. Sie interessieren sich eher für technische und innovative Themen, für Digitalisierung und Umwelt- schutz. Damals wie heute war die Uni so technisch ausgerichtet, dass sich die meisten Studenten nicht für Welt- und Gesellschaftspolitisches interessieren. Aber: Aachen hatte in NRW die höchste Wahlbeteiligung. hat die 68er Bewegung nachhaltig Spuren in unse- rer Gesellschaft hinterlas- sen? David: Die Revolution hat damals viel verändert. Aber die ganzen The- men waren nicht neu, sie waren eine Reaktion auf den Nationalso- zialismus, sie waren schon zur Zeit der Weimarer Republik Thema. Das alles hat sich als Revolution entla- den. Es war ein antiautoritäres Auf- begehren der jungen Generation gegenüber der Älteren. Es war eine Bewegung weg von Hierarchien hin zu einer Bewegung von Studenten, die mitentscheiden wollen – weg von einem autoritären Top-Down- Ansatz. Davon ist viel übrig geblie- ben: Es geht nicht mehr nur nach Hierarchien, sondern vor allem nach Fähigkeiten des Einzelnen. Wir brauchen kein aufgesetztes Sys- tem mehr, weil Demokratie mittler- weile funktioniert. Arno: Damals hat das alles damit angefangen, dass Unis Keimzel- len für politischen Protest waren. Es gab eine politische Sozialisie- rung der Studentenschaft. Die gibt es kaum noch, außerhalb der Stu- dentenkreise interessiert Politik nur wenige, aber auch viele Studen- ten mischen sich nicht ein. Und: Die Studenten, zum Beispiel in den Par- lamenten, haben nicht den Einfluss wie früher. Damals gab es allerdings eine reale Gefahr, dass die Bundes- republik an der Rebellion der Stu- denten zu Grunde hätte gehen kön- nen, durch Gruppen, die sich aus der Bewegung gebildet haben, wie die RAF. Julie: Diese Gruppen haben die In- halte für ihr terroristisches Motiv missbraucht. Aber man kann die 68er nicht mit der RAF gleichsetzen. David: Die Bewegung schien für viele Menschen eine Gefahr zu sein. Das lag vor allem an der medialen Verzerrung. Es wurde überall ge- zeigt, dass es vor allem junge Leute waren, die Krawall machen. Aber wie real war diese Bedrohung für 80 Prozent der Gesellschaft? Es war ein Gefühl, keine wahre Bedrohung. Wie hat sich die Diskus- sionskultur verändert? Julie: Die Rahmenbedingungen für den politischen Einsatz und für Auseinandersetzungen miteinander sind heute nicht mehr da. Nach der Bologna-Reform müssen die Stu- denten gucken, dass sie schnell ge- nug mit dem Studium fertig werden, und wie sie es finanzieren können. Viele Steine liegen imWeg und we- nig Zeit bleibt über, um sich zu en- gagieren. David: Was gut war an der Bewe- gung: Sie hat es geschafft, die Rolle des einzelnen Menschen, die er in der NS-Zeit gespielt hat, zu disku- tieren. Danach gab es einen ande- ren Diskurs über den Nationalso- zialismus als vorher. Das hält bis heute an. Tragen Soziale Medien auch dazu bei? hat sich das, was sich früher auf den Straßen abgespielt hat, heute ins Internet verlagert? henning: Früher wurde über die se- riöse Presse Bericht erstattet. Heute kann jeder Nachrichten verbreiten. Zum einen belebt es die Diskussion, zum anderen basiert diese auch we- niger auf Fakten, wenn nicht sogar auf Lügen. Julie: Durch Soziale Medien entste- hen Filterblasen. Dabei geraten ein- zelne Bruchstücke einer Diskussion in den Fokus, alles andere wird aus- geblendet. Dadurch treten einzelne Meinungen in den Vordergrund und dominieren die Debatte. Gefährlich, weil es die Realität verzerrt und am Ende über Fake News diskutiert wird. Ich denke, was Medienkompe- tenz betrifft, sind wir noch ganz am Anfang. David: Ähnlich wie früher und doch anders schaffen heute wenige Per- sonen über die Sozialen Netzwerke großes Aufsehen. Wir leben in Zei- ten, die so politisierend sind wie lange nicht mehr. Ich denke, das ist ein positiver Effekt der Sozialen Me- dien. Aber sie haben auch partizipa- torischen Effekt: Sie beziehen jeden mit in die Diskussion ein. Brauchen wir mehr Diskus- sion? Arno: Es ist wichtig, Themen zu diskutieren. Das wurde damals ge- macht, und das war gut, alles kri- tisch zu hinterfragen, sonst wäre nicht über Themen wie Pädose- xualität gesprochen worden. Heute sind diese Fragen leider weniger wichtig. henning: Ja definitiv. Die Studen- ten sind gefragt. Sie sollten wie- der mehr Initiative ergreifen und sich an der 68er Bewegung ein Bei- spiel nehmen. Meiner Meinung nach sollte alles viel mehr ausdis- kutiert werden. Wenn ein Thema aufkommt, sollte man es kritisch hinterfragen. Heute lassen sich die Studenten entdemokratisieren zum Beispiel durch die geplante Ab- schaffung der obligatorischen Stu- dienbeiräte, in der 50 Prozent der Stimmen den Studierenden gehö- ren. David: Nein. Es gibt Themen, die diskutiert werden müssen. Aber manche Sachen sind so abwegig, die muss man einfach nicht diskutie- ren. Man sollte dort ansetzen, wo es Probleme gibt. Es ist auch wichtig, alte Krusten aufzubrechen, aber von dort muss es nicht immer zwang- haft weitergehen. Es muss sich nicht immer mehr verändern. Eine Revolution der Revolution wegen? Davon halte ich nichts. Julie: Hinterfragen und Dinge nicht als gegeben hinnehmen: Das ist et- was, das wir von den 68ern lernen können. Wir sollten die Diskus- sion außerdem wieder mehr aufle- ben lassen. " www.wirhierac.de ! facebook.de/wirhierac AAchen | Zwei Generationen, ein Standpunkt: Professor Jürgen egyptien und Stu- dent nico Biermanns spre- chen über ihre Sicht auf die Studenten von heute 1968 – das Jahr der sexuellen Be- freiung, der Ermordung des Bür- gerrechtlers Martin Luther King und für damalige Studenten vor al- lem das Jahr, in dem die westdeut- sche Studentenbewegung ihren Hö- hepunkt erlangte. Tausende junger Menschen gingen seinerzeit auf die Straßen, um die Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, die „Entfaschisierung“ der Polizei und eine grundlegende Bildungsreform an den Hochschulen zu fordern. Dreißig Jahre später sieht es anders aus an den deutschen Hochschu- len. Von Revolution ist nicht mehr viel zu spüren. Gehört der Drang zur Veränderung der Vergangenheit an? Nico Biermanns glaubt schon. Der 25-jährige Aachener studiert Deutsch und Geschichte an der RWTH auf Lehramt. In dem Semi- nar „Literatur im Jahr 1968“ befas- sen er und seine Kommilitonen sich mit Lyrik aus dem Jahr der Revolte; zu den be- sprochenen Stücken gehören Werke der Autoren Uwe Timm, Ulla Hahn und Herbert Marcuse. Texte, mit denen die Stu- denten nicht immer etwas anzufangen wissen. „Das Se- minar zeigt, wie fremd die revolu- tionäre Spontaneität den heutigen Studenten ist“, sagt Biermanns. Er selbst interessiert sich zwar für die 68er-Bewegung, damit ge- hört er aber zur Ausnahme. Jürgen Egyptien, Professor für Literatur- wissenschaft an der RWTH, bestätigt das. Er sieht kein besonde- res Interesse der Studen- ten an diesem Thema. Die Veranstaltun- gen dazu seien zwar nicht schlecht besucht, aber eben auch nicht besser als jene, in denen Texte von Goethe oder Heine besprochen werden. Warum inte- ressiert sich die heutige Jungend nicht mehr für die Revolution ihrer Vorfahren? „Das Thema ist heute bloß unter historischen Gesichtspunkten von Belang. Die Studentenbewegung ist etwas, das die Jugend nur von Bü- chern und bestenfalls aus Erzäh- lungen der Familie kennt“, sagt Egyptien. „Die Identifikation da- mit fehlt.“ Der Grund dafür liege auf der Hand: Die Anfang 20-Jähri- gen seien angepasst, für sie gebe es keinen Grund mehr, zu rebellieren. Egyptien erklärt: „Junge Menschen sind heute mit der materiellen Si- tuation zufrieden, sie wollen Be- stehendes wahren statt es zu refor- mieren. Der Impuls, etwas zu ver- ändern, ist kaum ausgeprägt.“ Bier- manns sieht das ähnlich: „Bei vielen von uns besteht heute der Wunsch nach Eindeutigkeit statt nach Infra- gestellung.“ Dabei gebe es genug Miss- stände, gegen die sich junge Men- schen heute einsetzen könnten, etwa die Verschulung der Kinder- gärten oder die Bürokratisierung an den Hochschulen. Das passiert laut Biermanns aber nicht: „Die Stu- denten entpolitisieren sich immer mehr“, beklagt er. Die Beteiligung bei Wahlen des Studierenden-Par- laments oder der Fachschaften lä- gen bei etwa 20 Prozent. Und auch, was im Studium als wichtig gilt, hat sich verschoben: Für die Studen- ten zählt, was verbucht wird. Ge- lernt wird also, um Credit-Points zu bekommen, nicht um den Inhalt zu verstehen. Schuld daran sei auch die Bologna-Reform, findet Biermanns. Sie zielt darauf ab, die Studienzeit zu verkürzen. Was folgt, sind mehr Lernstress, und weniger Zeit, sich mit den Fachthemen zu befassen. Aber auch das nähmen die Studen- ten hin. Rebellion? Fehlanzeige. Da- bei wünscht sich Professor Egyptien die schon lange: „Ich warte seit Jahr- zehnten auf eine Revolte der Stu- denten“, sagt er. Bisher vergeblich. Vivien Nogaj Missstände aufzeigen und politische Diskussionen entfachen? An der rWTH ist nicht viel vom Zeitgeist der 68er übrig geblieben. Das Feuer der Rebellion an den Universitäten ist erloschen Professor Jürgen egyptien und Student nico Biermanns sind sich einig: Bei den heutigen Studenten spielt die 68er-Bewe- gung keine große Rolle mehr. Foto: nogaj Bei vielen von uns besteht heute der Wunsch nach Eindeutigkeit statt nach Infragestellung. nico Biermanns, Student Die 68er Bewegung liegt 50 Jahre zurück. heutige studenten haben diese Zeit nicht miterlebt. Können sie sich überhaupt etwas darunter vorstellen? Studenten im Jahr 2018: Was sagt euch 1968? Früher wurde über die seriöse Presse Bericht erstattet. Heute kann jeder Nachrichten verbreiten. henning nießen, Student Die Studenten ArnoWeiß, henning nießen, Julie Göths und David Beumers diskutieren darüber, was heute noch vom politischen Geist der 68er übrig geblieben ist. Foto: nadine Tocay

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