Omikron – Was über die Coronavirus-Variante B.1.1.529 bekannt ist

Seit November 2021 breitet sich eine neue Coronavirus-Variante weltweit rasant aus, vor der selbst Geimpfte und Genesene keinen optimalen Schutz haben: Omikron. Von der WHO wurde die Mutante als besorgniserregend klassifiziert.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft das Risiko der neuen Corona-Variante B.1.1.529 seit dem 29. November als "sehr hoch" ein. Die Omikron-Variante an sich wird als besorgniserregend bezeichnet. Diese Klassifizierung ist laut WHO-Definition ein Signal, dass eine Variante ansteckender sein oder zu schwereren Krankheitsverläufen führen kann. Außerdem besteht bei besorgniserregenden Varianten die Gefahr, dass herkömmliche Impfungen, Medikamente oder Corona-Maßnahmen weniger wirksam sind. Als besorgniserregend hatte die WHO bislang nur die Varianten Alpha, Beta, Gamma und Delta eingestuft.

Angesichts der Omikron-Variante warnt die WHO vor der Entstehung noch gefährlicherer Virusvarianten. WHO-Notfallexpertin Catherine Smallwood betonte, je stärker sich Omikron ausbreite und vermehre, "desto wahrscheinlicher ist es, dass es eine neue Variante hervorbringt". Außerdem warnte die WHO davor, die Omikron-Variante als "mild" einzustufen. "Genau wie vorangegangene Varianten müssen Menschen wegen Omikron ins Krankenhaus, und es tötet Menschen", sagte WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus.
Die Omikron genannte Variante weist mehr als 50 Erbgutveränderungen auf, die meisten davon am Spike-Protein, mit dem das Virus an der menschlichen Zelle andockt und auf das auch die Impfstoffe der ersten Generation abzielen. Verändert sich ein Virus so, dass Antikörper von Genesenen und Geimpften weniger gut ansprechen, nennen Fachleute dies Immunflucht (Immunescape). Daneben gibt es Beobachtungen aus ersten Studien, dass Omikron per se ansteckender ist als Delta.
Die Corona-Infektionszahlen steigen wegen der hochansteckenden Omikron-Variante massiv an. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor einem "Tsunami" von Corona-Fällen und einem Kollaps der Gesundheitssysteme. "Omikron breitet sich mit einer Geschwindigkeit aus, die wir bei keiner vorherigen Variante gesehen haben", sagt WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Die EU-Kommission erwartet, dass B.1.1.529 im Januar 2022 in ganz Europa die dominierende Variante sein wird. In mehreren Ländern Europas ist die Variante bereits vorherrschend, viele Staaten melden Rekordwerte an Neuinfektionen. Die WHO schätzt, dass sich bis Anfang März bereits mehr als die Hälfte der Menschen im Großraum Europa mit der neuen Coronavirus-Variante angesteckt haben.

Die bislang ältesten bekannten Nachweise der Variante stammen aus der ersten November-Hälfte. Wissenschaftler hatten sie zunächst im Süden Afrikas entdeckt.
In Deutschland wurde die Virusvariante Ende November 2021 zuerst in Bayern und in Hessen bei mehreren Reise-Rückkehrern aus Südafrika nachgewiesen. Experten gehen davon aus, dass Omikron schon bald die vorherrschende Variante in Deutschland sein wird.

Am 14. Januar werden bundesweit 155.729 COVID-19-Fälle Omikron zugeordnet. Das entspricht einem Zuwachs an Fällen von 16% (+21.427 Fälle) gegenüber dem Vortag.



Zu Übertragbarkeit, Schweregrad von Erkrankungen und möglichen Auswirkungen auf die Immunabwehr gibt es aufgrund fehlender Daten noch viele Unsicherheiten. Nach bisherigen Beobachtungen gilt die neue Mutante als hoch ansteckend. In mehreren Ländern verdoppelt sich die Zahl der Infektionen mit Omikron derzeit alle zwei bis drei Tage; die WHO spricht von Verdopplungszeiten zwischen 1,5 bis 3 Tagen.

Der neue Corona-Expertenrat der Bundesregierung warnte vor einer neuen Dimension im Pandemiegeschehen. Die Variante infiziere in kürzester Zeit deutlich mehr Menschen und beziehe auch Genesene und Geimpfte stärker in das Infektionsgeschehen ein: "Dies kann zu einer explosionsartigen Verbreitung führen." Damit droht auch eine Gefahr für die kritische Infrastruktur wie Strom- und Wasserversorgung, aber auch bei Feuerwehr, Polizei und in den Krankenhäusern, wenn dort mehrere Mitarbeitende krankheitsbedingt gleichzeitig ausfallen.
Nach Angaben einer Krankenhausgruppe in Pretoria wurden bei hospitalisierten Patienten in Südafrika zunächst mildere Verläufe beobachtet. Für Ungeimpfte sei die neue Variante nicht harmlos, warnt der Virologe Christian Drosten. Neben Hinweisen auf milde Verläufe gibt es auch Anhaltspunkte für Reinfektionen. Ein Preprint aus Südafrika legt nahe, dass die Reinfektionsquote mit dem Auftauchen von Omikron um das 2,5-Fache angestiegen ist. Laut einer Ende Dezember veröffentlichten Untersuchung der UK Health Security Agency ist bei einer Omikron-Infektion das statistische Risiko, im Krankenhaus behandelt werden zu müssen, etwa ein Drittel so hoch wie bei einer Ansteckung mit der Delta-Variante. Report 50 vom Imperial College London stützt diese Annahme. Bei Menschen mit Booster-Impfung reduziert sich danach die Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisierung sogar um 63 Prozent. "Was also richtig schützt gegen Omikron, ist eine Dreifach-Impfung", sagt Virologe Drosten.
Das Robert Koch-Institut (RKI) hat seine Risikobewertung wegen der Omikron-Variante verschärft. Für zweifach Geimpfte und Genesene werde die Gefahr einer Ansteckung nun als hoch angesehen, teilte das RKI am 20.12.2021 mit. Für Geimpfte mit Auffrischimpfung schätzt das Institut die Gefährdung hingegen als moderat ein.

Omikron dürfte die erste Abwehrlinie des Immunsystems, die Antikörper, überwinden können. Das Immunsystem Geimpfter hat aber noch weitere Mittel, sich zur Wehr zu setzen wie zum Beispiel die T-Zell-Antwort.
Die Hersteller Biontech/Pfizer werteten zwei Impfstoff-Dosen als nicht ausreichenden Schutz vor einer Infektion. Eine Bevölkerungsstudie aus Großbritannien ergab, dass die Wirksamkeit gegen eine symptomatische Infektion mit Omikron 15 Wochen nach der zweiten Dosis Biontech auf 34 Prozent sinkt. Menschen, die mit zwei Dosen des AstraZeneca-Präparats geimpft worden waren, hatten keinen Schutz mehr vor symptomatischer Infektion. Zwei Wochen nach einer Booster-Impfung stieg die Effektivität bei beiden Präparaten auf über 70 Prozent.

Eine Auffrischdosis mit dem Impfstoff von Moderna erhöht die Immunabwehr des Körpers gegen die neue Corona-Variante nach Herstellerangaben deutlich. Im Vergleich zu einer Zweifach-Impfung sei der neutralisierende Antikörperspiegel nach einem Booster mit einer Dosierung von 50 Mikrogramm um das rund 37-Fache gestiegen, teilte das US-Unternehmen unter Verweis auf vorläufige Daten mit.

Auch eine dänische Studie aus dem Dezember 2021 zeigt, wie wichtig Booster-Impfungen sind. Demnach senkt erst eine dritte Dosis signifikant das Risiko, sich mit Omikron anzustecken.
Mit der Auffrischimpfung können Antikörperspiegel zwar wieder angehoben werden, trotzdem sind bereits Omikron-Fälle bei dreifach Geimpften bekannt. Die Virologin Sandra Ciesek von der Uniklinik Frankfurt warnte daher, dass eine Konzentration auf die Booster-Kampagne nicht reichen werde, auch weil der Schutz wieder nachlasse. Dennoch sei der Wert der Booster-Impfung hoch, sagte der Virologe Christian Drosten im NDR Corona-Podcast. "Die doppelte Impfung wird für die Verbreitungskontrolle wahrscheinlich weniger beitragen bei Omikron. Da sind wir ziemlich ungeschützt", sagte Drosten. "Aber die Dreifach-Impfung macht den Unterschied."
Die Welle flachhalten: Das ist das Motto, das viele Wissenschaftler und die WHO ausgeben. Auf die Kombination von Maßnahmen komme es an. Das Impfen allein werde kein Land aus dieser Krise bringen. Es brauche zusätzlich etwa Masken, Abstand, Lüften, Handhygiene. Mehrere Experten halten an Omikron angepasste Impfstoffe für nötig.
Die Impfstoffhersteller Biontech und Moderna arbeiten nach eigenen Angaben bereits an der Entwicklung angepasster mRNA-Vakzine. Sie werden vermutlich frühestens im zweiten Quartal 2022 zur Verfügung stehen. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) rechnet bis spätestens Juni mit einem Update. Der Zulassungsprozess habe bereits begonnen, sagte PEI-Präsident Klaus Cichutek am 10. Januar.

Quellen: WHO, RKI, dpa